Ich weiß von allem Leid, fühl alle Scham
und möchte helfen aller Kreatur.
Der Liebe such ich aus dem Haß die Spur,
dem Menschenglück den Weg aus Not und Gram.
Den Trostbedürftigen geb ich Wort und Rat,
den Haltbedürftigen reich ich meine Hand.
Doch keiner war noch, der mein Wort verstand,
und keiner, der die Hand ergriffen hat.
Ich weiß vom Leide nur, fühl nur die Scham –
und kann doch selber nicht Erlöser sein,
wie jener Jesus, der die ganze Pein
der Welt auf seine schwachen Schultern nahm.
Ich weiß von allem Leid…
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Ich weiß von allem Leid…“ von Erich Mühsam ist eine tiefgründige Reflexion über das Gefühl der Ohnmacht angesichts des universellen Leids und der Unfähigkeit, Trost und Hilfe wirksam zu vermitteln. Der Autor präsentiert sich als jemand, der das Leid anderer Menschen und Kreaturen nicht nur erkennt, sondern auch unmittelbar fühlt. Dies wird bereits in der ersten Zeile durch die Worte „Ich weiß von allem Leid, fühl alle Scham“ deutlich, die eine innige Verbundenheit mit den Nöten der Welt zum Ausdruck bringen.
Das Gedicht entfaltet sich als eine Suche nach Lösungen und einem Weg, um das Leid zu lindern. Mühsam artikuliert den Wunsch, „aller Kreatur“ zu helfen und sucht in der Liebe, der Gegenspielerin des Hasses, nach einer Spur des Trostes. Er bietet den Trostbedürftigen Worte und Rat, den Haltbedürftigen seine Hand. Diese Gesten der Empathie und des Mitgefühls unterstreichen den tiefen Wunsch des Dichters, aktiv zum Wohl anderer beizutragen. Allerdings findet er sich in einer paradoxen Situation wieder, in der seine guten Absichten ins Leere laufen.
Die tragische Erkenntnis, die sich durch das Gedicht zieht, ist die Unfähigkeit, seine Hilfe effektiv zu vermitteln. Die Zeilen „Doch keiner war noch, der mein Wort verstand, / und keiner, der die Hand ergriffen hat“ offenbaren eine Isolation und ein Gefühl der Verzweiflung. Trotz des Wissens um das Leid und des Angebots von Hilfe bleibt der Dichter allein. Er ist unfähig, die erhoffte Veränderung herbeizuführen und sieht sich stattdessen mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert.
Der abschließende Vergleich mit Jesus, der „die ganze Pein / der Welt auf seine schwachen Schultern nahm“, unterstreicht die Tragweite der Selbsterkenntnis. Mühsam setzt sich selbst in Relation zu einer religiösen Ikone, die in der Lage war, das Leid der Welt auf sich zu nehmen. Durch diesen Vergleich wird die eigene Unzulänglichkeit des Dichters besonders deutlich. Er scheitert daran, Erlöser zu sein, und bleibt in seinem Wissen um das Leid gefangen, unfähig, die Welt zu verändern oder gar sich selbst zu erlösen. Das Gedicht ist somit ein ergreifender Ausdruck von Mitgefühl, Ohnmacht und dem schmerzlichen Bewusstsein der eigenen Grenzen.
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