Ich und die Rose warten
1844Vor mir Auf der dunkelbraunen Tischdecke Liegt eine große hellgelbe Rose. Sie wartet mit mir Auf die Liebste, Der ich ins schwarze Haar Sie flechten will.
Wir warten schon eine Stunde. Die Haustür geht. Sie kommt, sie kommt. Doch herein tritt Mein Freund, der Assessor; Geschniegelt, gebügelt, wie stets. Der Assessor will Bürgermeister werden. Gräßlich sind seine Erzählungen Über Wahlen, Vereine, Gegenpartei. Endlich bemerkt er die Blume. Und seine gierigen, Perlgrauglacebehandschuhten Hände Greifen nach ihr: “Ah, süperb! Müssen mir geben fürs Knopfloch.” Nein! ruf ich grob. “Herr Jess noch mal, Sind heut nicht bei Laune. Denn nicht. Empfehl mich Ihnen. Sie kommen doch morgen in die Versammlung!”
Ich und die Rose warten. Die Haustür geht. Sie kommt, sie kommt. Doch herein tritt Mein Freund, Herr von Schnellbein. Unerträglich langweilig sind seine Erzählungen Über Bälle und Diners. Endlich bemerkt er die Blume. Und seine bismarckbraunglacebehandschuhten Hände Greifen nach ihr: “Ah, das trifft sich, Brauch ich nicht erst zu Bünger. Hinein ins Knopfloch. Du erlaubst doch?” Nein! schrei ich wütend. “Na, aber, Warum denn so ausfallend; Bist heut nicht bei Laune. Denn nicht. Empfehl mich dir.”
Ich und die Rose warten. Die Haustür geht. Sie kommt, sie kommt. Doch herein tritt Mein Freund, der Dichter. Der bemerkt sofort die hellgelbe. Und er leiert ohn Umstände drauf los: “Die Rose wallet am Busen des Mädchens, Wenn sie spät abends im Parke des Städtchens Gehet allein im mondlichten Schein…” Halt ein, halt ein! “Was ist denn, Mensch. Aber du schenkst mir doch die Blume? Ich will sie mir ins Knopfloch stecken.” Nein!! brüll ich wie rasend. “Aber was ist denn? Bist heut nicht bei Laune. Denn nicht. Empfehl mich dir.”
Ich und die Rose warten. Die Haustür geht. Sie kommt, sie kommt. Und - da ist sie. Hast du mich aber heute lange lauern lassen. “Ich konnte doch nicht eher… Oh, die Rose, die Rose.” Hut ab erst. Stillgestanden! Nicht gemuckst. Kopf vorwärts beugt! Und ich nestl ihr Die gelbe Rose ins schwarze Haar. Ein letzter Sonnenschein Fällt ins Zimmer Über ihr reizend Gesicht.
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Interpretation
Das Gedicht "Ich und die Rose warten" von Detlev von Liliencron beschreibt die Erwartung und die Enttäuschung eines lyrischen Ichs, das auf seine Liebste wartet, um ihr eine Rose ins Haar zu flechten. Die Rose liegt auf dem Tisch, und das lyrische Ich wartet geduldig, doch statt der erwarteten Geliebten kommen immer wieder unerwünschte Besucher. Der Assessor, Herr von Schnellbein und der Dichter unterbrechen die Wartezeit mit ihren langweiligen Erzählungen und versuchen, die Rose für sich zu beanspruchen, was das lyrische Ich energisch verneint. Die wiederholten Unterbrechungen und die vergebliche Wartezeit verdeutlichen die Spannung und das Ungeduld des lyrischen Ichs. Die Besucher symbolisieren die alltäglichen Störungen und Ablenkungen, die die Sehnsucht nach der Geliebten verstärken. Die Rose steht dabei als Symbol für die Liebe und die Zärtlichkeit, die nur der Geliebten vorbehalten ist. Die energische Ablehnung der Besucher unterstreicht die Exklusivität und Intimität dieser Geste. Schließlich tritt die ersehnte Geliebte ein, und das lyrische Ich ist erleichtert und glücklich. Die Rose wird ihr ins Haar geflochten, was die Erfüllung der Wartezeit und die Wiederherstellung der Intimität symbolisiert. Der letzte Sonnenstrahl, der ins Zimmer fällt, verleiht der Szene einen romantischen und fast sakralen Charakter, der die Vollendung des Moments und die tiefe Verbundenheit zwischen dem lyrischen Ich und seiner Geliebten unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Verwendung von Alliterationen wie 'bismarckbraunglacebehandschuhten Hände' verstärkt den Klang und die Wirkung der Beschreibung.
- Bildsprache
- Die detaillierten Beschreibungen der Rose und der Freunde schaffen lebendige Bilder im Kopf des Lesers.
- Enjambement
- Das Enjambement in Zeilen wie 'Die Haustür geht. / Sie kommt, sie kommt.' erzeugt einen fließenden Rhythmus und Spannung.
- Hyperbel
- Die übertriebene Reaktion des Erzählers, als die Freunde die Rose nehmen wollen, zeigt seine tiefe emotionale Bindung an die Blume.
- Ironie
- Die Ironie liegt darin, dass der Erzähler auf seine Liebste wartet, aber stattdessen immer wieder Freunde eintreten, die die Rose für sich beanspruchen.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen der hellgelben Rose und dem schwarzen Haar der Liebsten wird betont, um die Schönheit der Szene hervorzuheben.
- Metapher
- Die Rose wird als Metapher für Liebe und Erwartung verwendet, da der Erzähler auf seine Liebste wartet, um die Rose in ihr Haar zu flechten.
- Personifikation
- Die Rose wird personifiziert, da sie 'wartet' und eine emotionale Bedeutung für den Erzähler hat.
- Symbolik
- Die Rose symbolisiert Liebe, Schönheit und Erwartung im Gedicht.
- Wiederholung
- Die Zeile 'Ich und die Rose warten' wird mehrmals wiederholt, um die Erwartung und das Warten zu betonen.