Ich spür ain tier
1890Ich spür ain tier mit füssen brait, gar scharpf sind im die horen; das wil mich tretten in die erd und stösslichen durch boren. den slund so hat es gen mir kert, als ob ich im für hunger sei beschert, Und nahet schier dem herzen mein in befündlichem getöte; dem tier ich nicht geweichen mag. owe der grossen nöte, seid all mein jar zu ainem tag geschübert sein, die ich ie hab verzert. Ich bin erfordert an den tanz, do mir geweiset würt all meiner sünd ain grosser kranz, der rechnung mir gebürt. doch wil es got, der ainig man, so wirt mir pald ain strich da durch getan.
Erst deucht mich wol, solt ich neur leben aines jares lenge vernünftiklich in diser welt, so wolt ich machen enge mein schuld mit klainem widergelt, der ich laider gross von stund bezalen müss. Darumb ist vol das herzen mein von engestlichen sorgen, und ist der tod die minst gezalt. o sel, wo bistu morgen? wer ist dein tröstlich ufenthalt, wenn du verraiten solt mit haisser buss? O kinder, freund, gesellen rain, wo ist eur hilf und rat? ir nempt das güt, lat mich allain hin varen in das bad, da alle münz hat klainen werd, neur güte werck, ob ich der hett gemert.
Allmächtikait an anefangk noch end, bis mein gelaite durch all dein barmung göttlich gross, das mich nicht überraite der lucifer und sein genos, da mit ich werd enzuckt der helle slauch. Maria, maid, erman dein liebes kind des grossen leiden! seit er all cristan hat erlost, so well mich ouch nicht meiden, und durch sein marter werd getrost, wenn mir die sel fleusst von des leibes drouch. O welt, nu gib mir deinen lon, trag hin, vergiss mein bald! hett ich dem herren für dich schon gedient in wildem wald, so für ich wol die rechten far: got, schepfer, leucht mir Wolkensteiner klar!
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Interpretation
Das Gedicht "Ich spür ain tier" von Oswald von Wolkenstein handelt von einem inneren Kampf des lyrischen Ichs mit einem bedrohlichen Tier, das als Sinnbild für Sünde und Todesangst steht. Das Tier versucht, das Ich in die Erde zu treten und durch Löcher zu stoßen, was auf einen gewaltsamen Tod hindeutet. Das Ich fühlt sich dem Tier ausgeliefert und fürchtet den nahenden Tod, der als "Tanz" und als Abrechnung mit einem "großen Kranz" der Sünden dargestellt wird. In den mittleren Strophen reflektiert das Ich über die Kürze des Lebens und die Notwendigkeit, die eigenen Schulden durch ein geringes "Widergelt" zu begleichen. Es beklagt die "engestlichen Sorgen", die das Herz erfüllen, und fragt nach Trost im Angesicht des Todes. Das Ich wendet sich an Kinder, Freunde und treue Gesellen, die jedoch keine Hilfe bieten können, da der Tod alles Gut nimmt. Das Ich akzeptiert den Abschied und den Weg ins "Bad", wo alles zu "geringem Wert" wird. Im Schluss des Gedichts fleht das Ich um göttlichen Beistand gegen die Mächte des Bösen, symbolisiert durch Luzifer. Es ruft Maria und Christus um Hilfe an, in der Hoffnung, durch Christi Leiden und Marter getröstet zu werden. Das Ich bittet die Welt um ihren Lohn und um Vergessenwerden, und falls es dem Herrn in der Wildnis gedient hat, wünscht es sich eine gerechte Führung. Den Abschluss bildet ein Gebet um Erleuchtung, wobei sich das Ich selbst als "Wolkensteiner" bezeichnet, was auf die eigene Identität und Herkunft verweist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- wenn mir die sel fleusst von des leibes drouch
- Hyperbel
- seid all mein jar zu ainem tag geschübert sein, die ich ie hab verzert
- Metapher
- got, schepfer, leucht mir Wolkensteiner klar
- Personifikation
- das wil mich tretten in die erd und stösslichen durch boren