Ich sah dich an...

Maria Luise Weissmann

1932

Ich sah dich an, o daß ich dich Niemals gesehn, nun bin ich blind, Nun bist du groß, nun führst du mich Ein irres Kind.

Und wo das Haus, das sichre Haus Mir einst im Wind geborgen stand, Da zieh ich aus, da zieh ich aus In Niemands Land.

Und wo ich bleib und wo ich steh, Wächst Schierling süß und duftet wund, Umhaucht mich schwer, bespricht mich weh Dein liebster Mund.

Wohin ich geh, wohin ich treib, Traum treibt mich um, niemehr erwacht Die trübe Seel, der arme Leib Aus deiner Nacht.

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Interpretation

Das Gedicht "Ich sah dich an..." von Maria Luise Weissmann beschreibt die überwältigende Wirkung, die eine Person auf den lyrischen Ich ausübt. Das Gedicht beginnt mit der Aussage, dass das lyrische Ich die Person angesehen hat und nun blind ist, was darauf hindeutet, dass die Erfahrung so intensiv war, dass sie die Fähigkeit zu sehen, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, verloren hat. Die Person wird als groß und führend beschrieben, während das lyrische Ich sich selbst als irreiches Kind darstellt, das geführt wird. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Veränderung der Umgebung und des Zustands des lyrischen Ichs beschrieben. Das einst sichere Haus, das Schutz vor dem Wind bot, wird verlassen, und das lyrische Ich zieht aus in ein Niemandsland. Dies symbolisiert den Verlust der Sicherheit und des vertrauten Umfelds, der durch die Begegnung mit der Person verursacht wurde. Die Umgebung wird als bedrohlich und verwirrend dargestellt, mit Schierling, der süß wächst und wund duftet, und dem Mund der Person, der schwer umhaucht und weh spricht. Im letzten Teil des Gedichts wird die anhaltende Wirkung der Begegnung auf das lyrische Ich beschrieben. Das lyrische Ich wird von Träumen getrieben und erwacht nie wieder, was darauf hindeutet, dass die Erfahrung so tiefgreifend war, dass sie das lyrische Ich in einem Zustand der Träumerei gefangen hält. Die Seele wird als trüb und der Körper als arm beschrieben, was die emotionale und körperliche Erschöpfung des lyrischen Ichs verdeutlicht. Die Nacht der Person wird als dunkel und bedrohlich dargestellt, aus der das lyrische Ich nicht entkommen kann.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
O daß ich dich niemals gesehn
Kontrast
Nicht gesehen, aber blind
Metapher
Aus deiner Nacht
Personifikation
Traum treibt mich um
Symbolik
Schierling süß und duftet wund
Wiederholung
Da zieh ich aus, da zieh ich aus