Ich möchte hingehn wie das Abendrot
1841Ich möchte hingehn wie das Abendrot Und wie der Tag mit seinen letzten Gluten - O leichter, sanfter, ungefühlter Tod - Mich in den Schoß des Ewigen verbluten!
Ich möchte hingehn wie der heitre Stern Im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken, So still und schmerzlos möchte gern Ich in des Himmels blaue Tiefe sinken!
Ich möchte hingehn wie der Blume Duft, Die freudig sich dem schönen Kelch entringet, Und auf dem Fittig blütenschwangrer Luft Als Weihrauch auf des Herrn Altar sich schwinget.
Ich möchte hingehn wie der Tau im Tal, Wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken - O, wollte Gott, wie ihn der Sonnenstrahl, Auch meine lebensmüde Seele trinken!
Ich möchte hingehn wie der bange Ton, Der aus den Saiten einer Harfe dringet, Und, kaum dem irdischen Metall entflohn, Ein Wohllaut in des Schöpfers Brust verklinget.
Du wirst nicht hingehn wie das Abendrot, Du wirst nicht hingehn wie der Stern versinken, Du stirbst nicht einer Blume leichten Tod, Kein Morgenstrahl wird deine Seele trinken!
Wohl wirst du hingehn, hingehn ohne Spur, Doch wird das Elend deine Kraft erst schwächen, Sanft stirbt es einzig sich in der Natur, Das arme Menschenherz muß stückweis brechen!
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Interpretation
Das Gedicht "Ich möchte hingehn wie das Abendrot" von Georg Herwegh handelt von dem Wunsch des lyrischen Ichs, sanft und unbeschwert zu sterben. Es vergleicht den gewünschten Tod mit natürlichen Phänomenen wie dem Abendrot, einem Stern, einer Blume, dem Tau, einem Ton. Diese Vergleiche stehen für einen leichten, schmerzlosen Tod, der sich harmonisch in den Kreislauf der Natur einfügt. In der zweiten Hälfte des Gedichts wird jedoch deutlich, dass der Tod für den Menschen oft nicht so sanft und natürlich verläuft, wie es das lyrische Ich sich wünscht. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass der Mensch, im Gegensatz zur Natur, einen qualvollen und stückweisen Tod erleiden muss, der von Elend und Leid begleitet ist. Die Struktur des Gedichts mit seinen sechs Strophen und dem Wechsel zwischen dem Wunsch nach einem sanften Tod und der Realität des menschlichen Sterbens unterstreicht die emotionale Intensität des Themas. Die Sprache ist bildhaft und metaphorisch, was die Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens betont.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Kontrast
- Kein Morgenstrahl wird deine Seele trinken
- Metapher
- Das arme Menschenherz muß stückweis brechen
- Vergleich
- Ich möchte hingehn wie der bange Ton