Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz...
1875Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz, an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen; du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen, du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen, du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen, du dunkles Netz, darin sich flüchtend die Gefühle fangen.
Du hast dich so unendlich groß begonnen an jenem Tage, da du uns begannst, - und wir sind so gereift in deinen Sonnen, so breit geworden und so tief gepflanzt, daß du in Menschen, Engeln und Madonnen dich ruhend jetzt vollenden kannst.
Laß deine Hand am Hang der Himmel ruhn und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz" von Rainer Maria Rilke beschreibt eine tiefe, fast spirituelle Beziehung zu einem Gesetz oder einer Ordnung, die den Menschen Wachstum und Reife ermöglicht. Das "sanfteste Gesetz" wird als etwas Geliebtes und gleichzeitig Unentrinnbares dargestellt, das den Menschen formt und prägt. Es wird als "großes Heimweh" beschrieben, das nicht überwunden werden kann, und als ein "Wald", aus dem man nie herausgeht. Das Gesetz ist auch ein "Lied", das man mit jedem Schweigen singt, und ein "dunkles Netz", in dem sich die Gefühle fangen. Das Gedicht beschreibt, wie das Gesetz oder die Ordnung sich am Tag ihrer Entstehung unendlich groß begonnen hat und wie die Menschen in ihren "Sonnen" gereift, breit geworden und tief gepflanzt sind. Dies deutet darauf hin, dass die Menschen durch das Gesetz oder die Ordnung zu ihrer vollen Größe und Tiefe herangewachsen sind. Das Gesetz oder die Ordnung kann sich nun in "Menschen, Engeln und Madonnen" ruhend vollenden. Im letzten Vers bittet das Gedicht das Gesetz oder die Ordnung, seine Hand am "Hang der Himmel" ruhen zu lassen und stumm zu dulden, was die Menschen ihm "dunkel" tun. Dies könnte als Anerkennung der Unvollkommenheit und des potenziellen Widerstands der Menschen gegen das Gesetz oder die Ordnung interpretiert werden, aber auch als Bitte um Verständnis und Nachsicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- du sanftestes Gesetz, du großes Heimweh, du Wald, du Lied, du dunkles Netz
- Metapher
- Laß deine Hand am Hang der Himmel ruhn
- Personifikation
- Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz