Ich kenn ein Haus, ein Freudenhaus...

Clemens Brentano

1778

Ich kenn ein Haus, ein Freudenhaus, Es hat geschminkte Wangen, Es hängt ein bunter Kranz heraus, Drin liegt der Tod gefangen.

In meinem Mantel trag ich hin Biskuit und süße Weine, Der Himmel weiß wohl, wer ich bin, Die Welt schimpft, was ich scheine.

Die eine liest mir in der Hand Sie will mein Unglück lesen, Die andre malt mich an die Wand, Und nennt mich holdes Wesen.

Die dritte weiß sich flink zu drehn Es schwindeln mir die Sinne Und jede dieser bösen Feen Sucht, wie sie mich umspinne.

Doch dorten auf den Arm gelehnt Sitzt eine stumm und weinet, Sie hat sich längst mit Gott versöhnt, Und sitzet doch und weinet.

Was will sie noch in diesem Haus, Sie muß den Spott erleiden, Es zischt der freche Chor sie aus, Du kannst uns doch nicht meiden.

Sie schweigt und weint und trägt den Hohn Den schweren Büßerorden. Man zuckt die Achseln, kennt sie schon, Sie ist zur Närrin worden.

Doch ich berühr um sie allein Die himmelschreinde Schwelle, Bei ihr, tret ich zum Saal herein, Ist meine feste Stelle.

Sie achtet′s nicht, sie blickt nicht auf. Wenn alle tanzend fliegen, Seh ich mit stetem Tränenlauf Das bleiche Haupt sie wiegen,

So hundert Tage ohne Ruh Sah ich sie wanken, weinen Und sprach, o Weib, welch Kind wiegst du? Will denn kein Schlaf erscheinen?

Du hast dem Leid genug getan, Gib mir′s, ich will dir′s tragen. Da schrie ihr Blick mich schneidend an, Doch konnt ihr Mund nichts sagen,

Und neulich nachts, um Mitternacht, Kam ich mit meiner Laute, Die Pforte hat sie aufgemacht, Die noch am Fenster schaute.

Sie zieht mich in den Garten fort, Sitzt auf ein Hüglein nieder, Gibt keinen Blick und gibt kein Wort, Und weinet stille wieder.

Zu ihren Füßen saß ich hin, Und ehrte ihren Kummer, Da hat mir Gott ein Lied verliehn, Ich sang sie in den Schlummer.

Ich sang so kindlich, sang so fromm, Ach säng ich je so wieder! O Ruhe komm, ach Friede komm, Küß ihre Augenlider!

Und da sie schlief, da stieg so hold Ein Kindlein aus dem Hügel, Trug einen Kranz von Flittergold Und einen Taschenspiegel,

Und brach ein Zweiglein Rosmarin, Das ihm am Herzen grünet, Und legt′ es auf die Mutter hin, Und sprach: Gott ist versühnet.

Und wo den Rosmarin es brach, Da bluteten zwei Wunden, Und als es kaum die Worte sprach, Ist es vor mir verschwunden.

Die Mutter ist nicht mehr erwacht Noch schläft sie in dem Garten, Ich steh und sing die ganze Nacht, Kann wohl den Tag erwarten,

Da ruft mich Zucht und Ehr und Pflicht Aus diesem Haus der Sünde, Doch von der Mutter laß ich nicht Ob ihrem armen Kinde.

Es winkt zurück, wenn ich will gehn, Sitzt an des Hügels Schwelle, Und kann nicht aus dem Spiegel sehn, Sein Flitterkranz glänzt helle.

Es brach das Haus, der Kranz fiel ab, Fiel auf den Sarg der Frauen, Ich blieb getreu, tät bei dem Grab Mir eine Hütte bauen.

Und daß die Schuld nicht mehr erwacht, Will ich da ewig singen, Bis Jesus richtend bricht die Nacht, Bis die Posaunen klingen.

Oft mit dem Kind in Sturm und Wind, Sing ich auf meinen Knieen, O Jesus! du gemordet Kind Du hast ja auch verziehen!

Ein Tröpflein deines Blutes nur Laß auf die Mutter fallen, Das macht uns rein und klar und pur, Daß wir zum Lichte wallen.

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Illustration zu Ich kenn ein Haus, ein Freudenhaus...

Interpretation

Das Gedicht "Ich kenn ein Haus, ein Freudenhaus..." von Clemens Brentano ist eine tiefgründige und symbolträchtige Erzählung. Es beschreibt ein Haus der Ausschweifung und Sünde, in dem sich eine tragische Geschichte um eine trauernde Mutter und ihr Kind entfaltet. Der Erzähler, der als Außenseiter und Beobachter fungiert, bringt Süßigkeiten und Wein in dieses Haus und wird von den Bewohnern mit Misstrauen und Spott empfangen. Er begegnet verschiedenen Frauen, die versuchen, ihn zu verführen oder seine Zukunft zu deuten, doch seine Aufmerksamkeit gilt einer stillen, weinenden Frau, die sich mit Gott versöhnt hat, aber weiterhin im Haus der Sünde verweilt. Die stumme Frau wird von den anderen Bewohnern des Hauses verspottet und als Narr angesehen. Der Erzähler jedoch fühlt sich zu ihr hingezogen und betrachtet sie als seine feste Stütze in diesem moralisch fragwürdigen Umfeld. Er beobachtet sie über hundert Tage hinweg, wie sie ohne Ruhe wankt und weint, und bietet ihr an, ihr Leid zu tragen. Eines Nachts kommt er mit seiner Laute zu ihr, und sie führt ihn in den Garten, wo er ein Lied singt, das sie in den Schlaf wiegt. In ihrem Schlaf erscheint ein Kindlein, das einen Kranz aus Flittergold und einen Taschenspiegel trägt. Es bricht ein Zweiglein Rosmarin und legt es auf die Mutter, wobei es zwei Wunden bluten lässt und verschwindet, nachdem es gesagt hat, dass Gott versöhnt ist. Die Mutter erwacht nicht mehr, und der Erzähler bleibt an ihrem Grab, um für sie zu singen und zu beten. Er baut sich eine Hütte neben dem Grab und singt, bis Jesus die Nacht durchbricht und die Posaunen erklingen. Das Gedicht endet mit einem Appell an Jesus, der das gemordete Kind ebenfalls vergeben hat, und der Bitte um ein Tröpflein seines Blutes, das die Mutter reinwaschen und zum Licht führen möge. Das Gedicht ist eine Allegorie auf Sünde, Reue, Vergebung und Erlösung, in der die Figuren und Symbole eine tiefere spirituelle Bedeutung tragen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Tröpflein deines Blutes
Personifikation
Drin liegt der Tod gefangen
Symbolik
Blut
Übertreibung
hundert Tage ohne Ruh