Ich hân mîn lehen

Walther von der Vogelweide

1220

Ich hân mîn lehen, al die werlt, ich hân mîn lêhen. nû envürhte ich niht den hornunc an die zêhen, und will alle bœse hêrren dester minre vlêhen.

Der edel künec, der milte künec hât mich berâten, daz ich den sumer luft und in dem winter hitze hân. mîn nâhgebûren dunke ich verre baz getân:

si sehent mich niht mêr an in butzen wîs alsô si tâten. ich bin ze lange arm gewesen ân mînen danc. ich was sô voller scheltens daz mîn âtem stanc:

daz hât der künec gemachet reine, und dar zuo mînen sanc.

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Illustration zu Ich hân mîn lehen

Interpretation

Das Gedicht "Ich hân mîn lehen" von Walther von der Vogelweide handelt von einem lyrischen Ich, das sich in einem Konflikt mit seiner Umwelt befindet und sich durch einen edlen König bestätigt und gerechtfertigt fühlt. Das lyrische Ich behauptet, sein Lehen erhalten zu haben und sich nun gegen alle bösen Herren zu wenden, die ihm zuvor geschadet haben. Es betont, dass es jetzt im Sommer Kühle und im Winter Wärme genießt, was als Metapher für eine ausgeglichene und gerechte Behandlung durch den König verstanden werden kann. Die Interpretation setzt fort, indem sie die sozialen und emotionalen Veränderungen des lyrischen Ichs beschreibt. Es fühlt sich von seinen Nachbarn, die es früher als nahe stehend betrachtet hat, nun distanziert und misstrauisch behandelt. Dies wird durch die Redewendung "in butzen wîs alsô si tâten" verdeutlicht, die darauf hindeutet, dass die Nachbarn das lyrische Ich nun mit Misstrauen oder Verachtung betrachten. Das lyrische Ich fühlt sich lange genug benachteiligt und beschimpft, was sich in seiner Atmung und seinem gesamten Sein niedergeschlagen hat. Abschließend wird die Rolle des edlen Königs hervorgehoben, der das lyrische Ich von seinen Lasten befreit und ihm eine neue Stimme und einen neuen Gesang gegeben hat. Der König hat das lyrische Ich "gerecht" gemacht, was sowohl im moralischen als auch im rechtlichen Sinne verstanden werden kann. Das lyrische Ich ist nun in der Lage, seine Beschwerden und Ungerechtigkeiten zu überwinden und sich in einem neuen, positiveren Licht zu sehen.

Schlüsselwörter

künec daz niht lehen werlt envürhte hornunc will

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
hornunc an die zêhen
Anapher
Ich hân mîn lehen, al die werlt, ich hân mîn lêhen
Hyperbel
ich bin ze lange arm gewesen ân mînen danc
Kontrast
daz ich den sumer luft und in dem winter hitze hân
Metapher
mîn nâhgebûren dunke ich verre baz getân
Personifikation
mîn âtem stanc