Ich geh dir nach, wie aus der dumpfen Zelle...
1903Ich geh dir nach, wie aus der dumpfen Zelle ein Halbgeheilter schreitet: in der Helle mit hellen Händen winkt ihm der Jasmin. Ein Atemholen hebt ihn von der Schwelle, - er tastet vorwärts: Welle schlägt um Welle der großbewegte Frühling über ihn.
Ich geh dir nach in tiefem Dirvertrauen. Ich weiß deine Gestalt durch diese Auen vor meinen ausgestreckten Händen gehn. Ich geh dir nach, wie aus des Fiebers Grauen erschreckte Kinder gehn zu lichten Frauen, die sie besänftigen und Furcht verstehn.
Ich geh dir nach. Wohin dein Herz mich führe frag ich nicht nach. Ich folge dir und spüre wie alle Blumen deines Kleides Saum..
Ich geh dir nach auch durch die letzte Türe, ich folge dir auch aus dem letzten Traum…
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Interpretation
Das Gedicht "Ich geh dir nach, wie aus der dumpfen Zelle..." von Rainer Maria Rilke handelt von einer tiefen, fast schon spirituellen Hingabe und Vertrauen gegenüber einer geliebten Person. Der Sprecher folgt dieser Person bedingungslos, wie ein "Halbgeheilter" aus einer dunklen Zelle, der ins Licht tritt und von der Schönheit des Frühlings umgeben ist. Diese Metapher deutet auf eine Befreiung aus einem Zustand der Enge und Dunkelheit hin, hin zu einem Leben voller Licht und Freiheit. Der zweite Teil des Gedichts verstärkt dieses Bild der Hingabe. Der Sprecher vertraut so sehr auf die Gestalt der Geliebten, dass er sie vor seinen Augen durch die Landschaft gehen sieht. Die Angst und das Grauen des Fiebers werden mit der Beruhigung durch eine tröstende Frau verglichen, was die schützende und beruhigende Wirkung der Geliebten auf den Sprecher unterstreicht. Diese tiefe Verbundenheit lässt den Sprecher furchtlos folgen, ohne zu wissen, wohin der Weg führt. Im letzten Teil des Gedichts kulminiert die Hingabe in der Bereitschaft, der Geliebten sogar durch die "letzte Tür" zu folgen und aus dem "letzten Traum" zu erwachen. Dies kann als Metapher für den Tod oder eine tiefgreifende Verwandlung verstanden werden. Der Sprecher ist bereit, bis ans Ende zu gehen, getragen von der Liebe und dem Vertrauen zu der geliebten Person, symbolisiert durch die "Blumen" an ihrem Kleid.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- auch aus dem letzten Traum
- Personifikation
- mit hellen Händen winkt ihm der Jasmin