Ich denke dein (1)

Friederike Sophie Christiane Brun

1812

Ich denke dein, wenn über Roms Ruinen Die Sonne sinkt! Vom Abendroth durch Eichengrün beschienen Die heil′ge Tiber blinkt!

Dein denk′ ich, wenn der grauen Vorwelt Schauer Der Hall′ entschwebt! Des Eppichs Netz an hoher Riesenmauer Im Mondstrahl silbern bebt!

Wenn in der Pinie ernstem Säulentempel Mein Aug′ erquickt, Betrachtung, Tiefsinn, eueren hehren Stempel Rings um sich her erblickt!

Dort an des Grabes ew′ger Piramide Warst du mir nah! Mir nah als ich Orest der Eumenide Geweiht, voll Wehmuth sah!

Electra′s hoher Sinn, und Weibesmilde Mich tief durchdrang! Des Griechen Geist mir aus dem Marmorbilde Wie Saitenton erklang!

Im Lorbeerwald, wo die Zipresse dunkelt, Im Mirthenhain Wenn über mir des Himmels Bogen funkelt Denkt meine Seele Dein!

Ach dein, wenn über Tod, und Grab, und Erde, Mein Geist sich schwingt! Des Schöpfers zweyter Allmachtsruf es werde Auch meine Gruft durchdringt.

Wenn Nemesis, was strenge du gefodert Ist abgebüßt - Und Psyche, der nicht mehr die Fackel lodert, Vergelterin dich grüßt!

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Illustration zu Ich denke dein (1)

Interpretation

Das Gedicht "Ich denke dein" von Friederike Sophie Christiane Brun ist eine tiefgründige Reflexion über die Gedanken und Gefühle der Sprecherin, die von den Ruinen Roms und der griechischen Mythologie inspiriert sind. Die Dichterin verbindet die Schönheit und den Schrecken der antiken Welt mit ihren persönlichen Empfindungen und Erinnerungen an eine geliebte Person. In den ersten Strophen des Gedichts beschreibt die Sprecherin ihre Gedanken, wenn sie die untergehende Sonne über den Ruinen Roms betrachtet und den Tiber im Abendrot schimmern sieht. Die Erinnerungen an die Vergangenheit werden durch den Anblick der antiken Mauer und des Mondlichts auf dem Netz der Efeu hervorgerufen. Die Pinie und die Marmorbilder wecken tiefgründige Betrachtungen und den Geist des Griechen in der Sprecherin. Die Erinnerungen an die geliebte Person werden in den folgenden Strophen lebendig. Die Sprecherin erinnert sich an die Nähe zu ihr am Grab der ewigen Pyramide und an die tiefe Bewegung, die sie bei der Betrachtung der Orestie der Eumeniden empfand. Der hohe Geist der Electra und die Milde des Weibes durchdrangen sie tief. Der Geist des Griechen erklang wie Saitenton aus dem Marmorbild. In den letzten Strophen des Gedichts beschreibt die Sprecherin ihre Gedanken über den Tod und die Auferstehung. Sie denkt an die geliebte Person, wenn ihr Geist sich über Tod, Grab und Erde erhebt und der Schöpfer seinen zweiten Allmachtsruf ergehen lässt. Die Sprecherin hofft, dass auch ihre Gruft durchdrungen wird und dass Nemesis und Psyche sie als Vergelterin begrüßen werden.

Schlüsselwörter

hoher nah geist denke roms ruinen sonne sinkt

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Stilmittel

Alliteration
Betrachtung, Tiefsinn, eueren hehren Stempel
Bildsprache
Im Lorbeerwald, wo die Zipresse dunkelt
Metapher
Psyche, der nicht mehr die Fackel lodert
Personifikation
Nemesis, was strenge du gefodert