Ich bin ein Pilger...

Erich Kurt Mühsam

1903

Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt; der Feuer sieht und weiß nicht, wo es brennt; vor dem die Welt in fremde Sonnen rennt.

Ich bin ein Träumer, den ein Lichtschein narrt; der in dem Sonnenstrahl nach Golde scharrt; der das Erwachen flieht, auf das er harrt.

Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt; der seinen Glanz in dunkle Seelen stellt; der einst in fahle Ewigkeiten fällt.

Ich bin ein Wasser, das nie mündend fließt; das tauentströmt in Wolken sich ergießt; das küßt und fortschwemmt ­ weint und froh genießt.

Wo ist, der meines Wesens Namen nennt? Der meine Welt von meiner Sehnsucht trennt? Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt.

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Illustration zu Ich bin ein Pilger...

Interpretation

Das Gedicht "Ich bin ein Pilger..." von Erich Kurt Mühsam erkundet die Identität und das Streben des lyrischen Ichs durch eine Reihe von Metaphern. Jede Strophe stellt eine andere Facette der Existenz dar, die das Gefühl von Ungewissheit und Sehnsucht nach einem unbekannten Ziel widerspiegelt. Der Pilger, der sein Ziel nicht kennt, symbolisiert die menschliche Suche nach Sinn und Zweck, die oft von Unsicherheit und Verwirrung geprägt ist. In der zweiten Strophe wird das lyrische Ich als Träumer dargestellt, der von einem flüchtigen Lichtschein getäuscht wird und nach etwas Unerreichbarem strebt. Diese Metapher verdeutlicht die menschliche Tendenz, nach Illusionen zu jagen und das Erwachen vor der Realität zu fürchten. Der Träumer verkörpert die Sehnsucht nach Erfüllung und die Angst vor der Enttäuschung, die mit der Erkenntnis einhergehen kann. Die dritte Strophe verwendet das Bild eines Sterns, der seinen eigenen Gott erhellt und in dunkle Seelen strahlt. Diese Metapher deutet auf die Rolle des lyrischen Ichs als Quelle des Lichts und der Inspiration hin, auch wenn es selbst in einem ungewissen Schicksal gefangen ist. Der Stern, der in fahle Ewigkeiten fällt, symbolisiert die Vergänglichkeit und die Unausweichlichkeit des Endes, das alle Existenz erwartet. Die vierte Strophe vergleicht das lyrische Ich mit einem Wasser, das nie mündend fließt und sich in Wolken ergießt. Diese Metapher illustriert die kontinuierliche Bewegung und Veränderung des Lebens, die sowohl Freude als auch Trauer umfasst. Das Wasser, das küsst und fortschwemmt, weint und froh genießt, repräsentiert die Vielfalt der menschlichen Erfahrungen und Emotionen. Das Gedicht schließt mit der Frage nach dem Namen des Wesens und der Trennung zwischen Welt und Sehnsucht. Diese Fragen bleiben unbeantwortet und betonen die fortwährende Suche nach Identität und Bedeutung. Der Pilger, der sein Ziel nicht kennt, bleibt ein Symbol für die ewige Reise des menschlichen Geistes auf der Suche nach Erkenntnis und Erfüllung.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
das küßt und fortschwemmt ­ weint und froh genießt
Metapher
Ich bin ein Wasser, das nie mündend fließt
Wiederholung
Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt