Ich bin ein Kind der Stadt

Anton Wildgans

1930

Ich bin ein Kind der Stadt. Die Leute meinen, Und spotten leichthin über unsereinen, Daß solch in Stadtkind keine Heimat hat. In meine Spiele rauschten freilich keine Wälder. Da schütterten die Pflastersteine. Und bist mir doch ein Lied, du liebe Stadt!

Und immer noch, sooft ich dich für lange Verlassen habe, ward mir seltsam bange, Als könnt′ es ein besond′rer Abschied sein; Und jedesmal, heimkehrend von der Reise, Im Zug mich nähernd, überläuft′s mich leise, Seh′ ich im Dämmer deine Lichterreihn.

Und oft im Frühling, wenn ich einsam gehe, Lockt es mich heimlich-raunend in die Nähe Der Vorstadt, wo noch meine Schule steht. Da kann es sein, daß eine Straßenkrümmung, Die noch wie damals ist, geweihte Stimmung In mir erblühen macht wie ein Gebet.

Da ist der Laden, wo ich Heft und Feder, Den ersten Zirkel und das erste Leder Und all die neuen Bücher eingekauft, Die Kirche da, wo ich zum ersten Male Zur Beichte ging, zum heil′gen Abendmahle, Und dort der Park, in dem ich viel gerauft.

Dann lenk′ ich aus den trauten Dunkelheiten der alten Vorstadt wieder in die breiten Gassen, wo all die lauten Lichter glühn, Und bin in dem Gedröhne und Geschrille Nur eine kleine ausgesparte Stille, In welcher alle deine Gärten blühn.

Und bin der flutend-namenlosen Menge, Die deine Straßen anfüllt mit Gedränge, Ein Pünktchen nur, um welches du nicht weißt; Und hab′ in deinem heimatlichen Kreise, Gleich einem fremden Gast auf der Reise, Kein Stückchen Erde, das mein Eigen heißt.

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Illustration zu Ich bin ein Kind der Stadt

Interpretation

Das Gedicht "Ich bin ein Kind der Stadt" von Anton Wildgans ist eine tief empfundene Liebeserklärung an die Stadt als Heimat. Der Sprecher betont seine Verbundenheit mit der Stadt, trotz der Ansicht anderer, dass ein Stadtbewohner keine Heimat habe. Er beschreibt, wie die Stadt in seiner Kindheit seine Spielwelt war, auch wenn sie sich von der Natur unterschied. Die Stadt wird als ständige Begleiterin dargestellt, die dem Sprecher ein Gefühl der Geborgenheit gibt. Jedes Mal, wenn er sie verlässt, überkommt ihn eine seltsame Angst, als wäre es ein Abschied für immer. Bei seiner Rückkehr überkommt ihn eine leise Erregung, wenn er die Lichter der Stadt im Dämmer erblickt. Diese emotionale Bindung zeigt, dass die Stadt für den Sprecher mehr als nur ein Ort ist, sondern ein Teil seiner Identität. Die Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in der Stadt werden lebendig, wenn er durch die Vorstadt spaziert. Bestimmte Orte wie die Schule, der Laden, die Kirche und der Park wecken heilige Stimmungen in ihm. Diese Orte sind mit wichtigen Erlebnissen verbunden und tragen zur tiefen Verbundenheit mit der Stadt bei. Die Erinnerungen werden durch die Beschreibung der "geweihten Stimmung" und des "Gebets" als etwas Heiliges dargestellt. Am Ende des Gedichts beschreibt der Sprecher sich selbst als Teil der namenlosen Menge in der Stadt. Er fühlt sich wie ein Fremder, der kein Stück Erde besitzt, das ihm gehört. Trotzdem ist er ein Teil der Stadt und ihrer Atmosphäre. Die Stadt wird als ein Ort der Vielfalt und des Lebens dargestellt, in dem der Sprecher seine Heimat gefunden hat, auch wenn er physisch kein Eigentum besitzt.

Schlüsselwörter

stadt keine reise vorstadt ersten all kind leute

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wo noch wie damals ist, geweihte Stimmung
Anapher
Und hab' in deinem heimatlichen Kreise, / Gleich einem fremden Gast auf der Reise, / Kein Stückchen Erde, das mein Eigen heißt
Bildsprache
Da ist der Laden, wo ich Heft und Feder, / Den ersten Zirkel und das erste Leder / Und all die neuen Bücher eingekauft
Hyperbel
Seh' ich im Dämmer deine Lichterreihn
Kontrast
Nur eine kleine ausgesparte Stille, / In welcher alle deine Gärten blühn
Metapher
Ich bin ein Kind der Stadt
Personifikation
Und bist mir doch ein Lied, du liebe Stadt!
Symbolik
Die Leute meinen, Und spotten leichthin über unsereiner