Ich bin durch die Wüste gezogen...
1778Ich bin durch die Wüste gezogen, Des Sandes glühende Wogen Verbrannten mir den Fuß, Es haben die Wolken gelogen, Es kam kein Regenguß.
Die Sonne trank mir im Zorne Das Wasser aus jeglichem Borne An dem die Reise geruht, Ich dürste, es leckten die Dorne Meiner brennenden Wunden Blut.
Ich nahm den erschlagnen Kamelen Das Wasser und Blut aus den Kehlen Zu retten mein Weib und Kind, Die Schätze an Gold und Juwelen Begrub im Sande der Wind.
Da wühlt ich mit glühendem Schwerde Den Kindern manch Grab in die Erde Erwühlte mir keinen Quell, Ob Gott sie wohl finden werde, Die Hyänen heulten grell.
Ein Kind unterm Mutterherzen Brach mit ihm, in schreienden Schmerzen Gebar sie es sterbend dem Tod, Es goß gleich glühenden Erzen Die Sonne mir Licht in die Not.
Gern hätte ich Tränen getrunken, Die Augen weinten nur Funken, Ich wühlt noch ein Grab in den Sand, Und bin in Verzweiflung gesunken, Ach weil ich kein Wasser fand.
Da ward ich zur wandelnden Leiche, Auf daß ich den Brunnen erreiche, Den letzten auf glühender Bahn, Und wie ich so lechzend hinschleiche, Da brüllen die Tiger mich an
Des Tages glühende Schwelle Verbrannte, da kam ich zur Stelle, Der Brunnen war trocken und tot Es glühte zur Mitternacht helle Der Mond wie Kupfer so rot
Der Tod flog auf aus der Wüste, Und schauderte, da ich ihn grüßte, Und floh, da rief ich ihm zu, Daß einer hier sterben müßte, Er schrie mir: Erst lebe du!
Denn sterben heißt Ruhe erwerben Drum kannst du nicht leben nicht sterben Der Durst ist unendlich in dir, Dein Erbteil, das will ich nicht erben So schrie er, und eilte von mir
Und heulend flog der Geselle Wüsteinwärts mit Pfeilesschnelle Der Sand schlug rasselnd um ihn, Da traf mich die glühende Welle Ach, daß ich erblindet bin.
O Nacht ohn Anfang und Ende! Kein Stern, wo hin ich mich wende, Kein Bogen, kein Pfeil kein Ziel, Da rang ich betend die Hände, Bis die Decke mir niederfiel
Da fühlt ich das Ziel mir gekommen Die glühende Leiter erklommen, Ich schrie zu dem bitteren Stern Der Herr hat gegeben, genommen Gelobt sei der Wille des Herrn!
Da hört ich ein Flügelpaar klingen Da hört ich ein Schwanenlied singen, Und fühlte ein kühlendes Wehn Und sah mit tauschweren Schwingen Einen Engel in der Wüste gehn.
Und als ich ihn fragend begrüßte, Sag an, du Engel der Wüste Wie find ich den Wasserquell? Sprach er: wer treulich büßte, Der steht an der Brunnenschwell.
Sag an, du Engel der Wüste, Und find ich den Quell, da ich büßte, Wo find ich Jerusalem Da sprach er: so ich das nicht wüßte, Käm ich nicht von Bethlehem
So folge nun meinem Gleise, Blind wandeltest du im Kreise, Nach Jerusalem wolltest du, Reich mir die Hand auf der Reise, Du zogst nach Babylon zu.
Der Herr trieb tausend Meilen Mich her, um dich zu heilen, Zu brechen mein Brod mit dir, Den Becher mit dir auch zu teilen, Wohlauf, nun folge du mir.
Und vor ihm kniete ich nieder, Er legte sein tauicht Gefieder Mir kühl um das glühende Haupt, Und sang mir die Pilgerlieder Da hab ich geliebt und geglaubt.
Da sah ich den Himmel wohl offen, Ach Gott! Kühl hernieder getroffen Kam die Gnade, die Segensflut, Da konnte ich endlich auch hoffen, Auf meines Erlösers Blut.
Da sang ich, reich treulich die Hände, Die Augen nicht vor meinem Ende, O Schwesterlein von mir Nur nimmer, nimmermehr wende, Du, ich, wir sind nun ein Wir
Ein Tempel sei wo wir knien, Ein Glück sei, für das wir glühen Ein Streit, ein Siegespanier Ein Gott sei, wohin wir ziehen Ein Himmel sei dir und mir.
So haben wir da wohl gesungen, Und Hand in Hand da geschlungen Und Flügel in Flügelpaar Uns über die Wüste geschwungen, Die ein Garten voll Segen war.
Dies war wohl ein innerlich Sehen Ein innerlich Auferstehen In mir selber erwachte der Geist Die Wüste, das waren die Wehen In denen mein Leben gekreißt.
All was ich verloren, begraben, All was ich allein, um zu haben In der heißen Wüste gesucht, Das soll mich im Geiste nun laben, In unverbotener Frucht.
O Schimmer, o Lichter, o Farben, O Alle ihr goldenen Garben, In Duft, in Sonne, im Tau, Ich schwelge, ich kann nicht mehr darben, Gott grüß dich mein geistlicher Pfau!
Ach Alles, was je ich gewesen Kann dir in dem Spiegel ich lesen Kann vor dir in Tränen vergehn, Kann vor dir in Reue genesen, Kann mit dir dann auferstehn.
Und will dieser Abend verglimmen Laß höher und höher uns klimmen Auf Golgatha sinkt keine Nacht, Es singen da ewige Stimmen Am Kreuze, nun hab ich vollbracht.
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Interpretation
Das Gedicht "Ich bin durch die Wüste gezogen..." von Clemens Brentano erzählt von einer verzweifelten Reise durch eine lebensfeindliche Wüste, die zum Sinnbild für die Suche nach geistlicher Erfüllung und Erlösung wird. Der Protagonist erlebt extreme physische Qualen - Durst, Hitze, den Verlust seiner Familie und aller Habe - die seine spirituelle Wüste symbolisieren. Die Begegnung mit dem Engel markiert die Wende: Er führt den Protagonisten aus der Orientierungslosigkeit und leitet ihn zur inneren Erkenntnis, dass wahre Erfüllung nicht im äußeren Ziel (Jerusalem) sondern im geistigen Erwachen liegt. Der Engel offenbart, dass der Protagonist sich im Kreis bewegt und sein eigentliches Ziel (Babylon) verfehlt hat. Dies deutet auf eine Fehlentwicklung im Leben hin, die erst durch die spirituelle Führung korrigiert wird. Die Vereinigung mit dem Engel - symbolisiert durch das "Wir" - stellt die Verschmelzung des irdischen mit dem göttlichen Selbst dar. Die Wüste verwandelt sich daraufhin in einen "Garten voll Segen", was die innere Wandlung und Auferstehung des Geistes verdeutlicht. Im abschließenden Teil erfährt der Protagonist eine umfassende geistige Erneuerung. Er erkennt, dass alle seine Erfahrungen - Verluste, Suchen, Leiden - Teil eines notwendigen Prozesses waren. Die Vision des Kreuzes und die Worte "Nun hab ich vollbracht" verweisen auf die Vollendung des individuellen Erlösungsweges. Das Gedicht endet mit der Verheißung ewigen Lebens und der Einheit mit dem Göttlichen, symbolisiert durch den "geistlichen Pfau" als Sinnbild für Auferstehung und Unsterblichkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Es singen da ewige Stimmen
- Hyperbel
- Die Sonne trank mir im Zorne /Das Wasser aus jeglichem Borne
- Metapher
- Auf Golgatha sinkt keine Nacht
- Personifikation
- Der Sand schlug rasselnd um ihn
- Symbolik
- Am Kreuze, nun hab ich vollbracht