Hymne des Maropampa

Hans Schiebelhuth

1921

Für Mira

Ich bin von den Niemandsinseln. In meinem Blut sind noch Ödlande. Meine Kindheit haben die dunkelblauen Einsamkeiten liebkost unter blühenden Weißdornbüschen. Nächte sprangen mich an: Tiger blutdürstig auf Tatzen lautlos. Aber als ich emporwuchs, hub ich die Sternnester aus. Im Geäst des Weltbaums besaß ich Lemurenmädchen, zierlich um eine Schale Mondschein weinend. Von unheilvollen Schiffen verschlagen hab ich auf Kuba Den Bauch der Häuptlingsweiber mit den fressenden Sonnen Astartes bemalt.

Frau du von Massachusetts oder vom Marmarameer! Trinken will ich an den unerforschten Brunnen deines Bluts. Auffange du meines Herzschlags Tumult im kühlen Gefäß deiner Hände. Lass mich den Nacken ins Moos deiner Blicke biegen, Boot meiner Wünsche bergen in deiner Schlüsselbeingruben apulischer Bucht, Stillen das Ungetüm meines Atems in Haar-Wolke seiden, Wenn hinter deinem Haupt Strahlen sinkender Sonne hinstürzen im Weltraum: goldnes Gebälk.

Ich weiß: Eh noch der Unrat dieser Städte um uns aufstank, braune Haut In dieser Menschen wässern Blut und wächsern Fleisch geschattet, Da waren Tummelplätze deiner Jugend groß: Die Wüsten. Der heiße Sand. Der Dattelhaine Rauschen. Die Steppe, nur von Sonne überbrüllt, Wo gutes Leben lief, ein Leichtes, zwischen Horizont und Hecken Die hochgehörnten Herden deines Stammes hütend Beim Rauch von Lagerfeuern säulend in des Himmels tiefsten Indigo.

Ums Dämmern traten an Oasen, äugend scheu, Der schmalen Antilopen Rudel aus zum Quell. Und nächtens war der Diamant der Sterne dein. Musik: des Mondes Silberhorn im Schwermut-Tuten, Der Grillen Singsang aus dem windgerillten Gras; Aus Zelten kam das Monoton der Mütter mit dem zagen Schnarren Der Nabelgeigen zu den Unkenliedern tröstlich in das große Kühl.

Dass du nun tanzen musst unter schwebender Zirkusplane, Schwester mit lächelnden Lenden und Brüsten orangen geschminkt. Sklav will ich dir sein, Krieger, der deinen Schlaf behütet. Die Erde von dir geschenkt haben auf Atlasschultern. Den feurigen Monddiskus hoch durch deine Träume werfen. Aber du wächst über die Statt. Und ich rase Übers Gewölb des Weltdachs, Göttin, dir nach, ein Brennender durch den ewigen Schnee.

Wann werde ich einmal so betrunken sein, dass ich sage zu dir: “Deine Hüften sind mein Sommer, Madam. Die Nacht wuchert ein Rebdach um uns. Wind ist Weinduft. Greif dir die Sterntraube! Stoß mich nicht fort! Ich werde die Landschaft verwüsten! Das Meer aussaufen, dass Dürre wird! Städte anzünden, dass alles veräscht! Der Himmel wird rot sein von Blut, wenn ich den Mond morde! Sturm zerstiebt eure Erd, so am Horizont ich die Bresche haue ins Nichts!”

Sterben möcht ich für dich. Hinrinnen. Vielleicht in Spitälern ein Tier. Oder in dunkeln Straßen der Sehnsucht röchelnd verrecken ein Trunkner. Kann sein, dass mich ein Heimweh auslöscht fiebernd, Wenn ich an trübem Kaffeehausnachmittag zu Billardbällen hinsinne. Dann bin ich noch im Tod dein Maropampa! Lächelnder! Fund du im Uferlosen, das mir Rosen aufbricht. Sonnantlitz strahlend über Heimatklippen ausgeglüht vom Glück.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Hymne des Maropampa

Interpretation

Das Gedicht "Hymne des Maropampa" von Hans Schiebelhuth ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung, die den Sprecher als einen wilden, exotischen Mann aus fernen Ländern darstellt. Er beschreibt seine Herkunft von den "Niemandsinseln" und seine Kindheit in der Einsamkeit der Natur. Der Sprecher präsentiert sich als jemand, der die Geheimnisse der Welt kennt und bereits Erfahrungen in fernen Ländern gesammelt hat. Er richtet sich an eine Frau, die er als "Frau von Massachusetts oder vom Marmarameer" anspricht, und drückt seinen Wunsch aus, ihre unerforschten Quellen des Blutes zu trinken und ihre Hand als kühles Gefäß für seinen Herzschlag zu nutzen. Der Sprecher bietet sich als Sklave und Krieger an, der die Frau beschützen und ihr die Welt zu Füßen legen möchte. In der zweiten Hälfte des Gedichts erinnert sich der Sprecher an die Jugend der Frau, die er als Nomadin in der Wüste beschreibt. Er malt ein Bild von heißen Sanden, Dattelpalmen und weidenden Herden unter dem weiten Himmel. Die Nächte sind erfüllt von Sternenlicht und den Klängen von Musik und Gesang. Der Sprecher beklagt, dass die Frau nun in einer Zirkusplane tanzen muss, mit geschminkten Brüsten und Lenden. Er bietet sich erneut als ihr Sklave an, der ihren Schlaf bewacht und ihr die Welt auf seinen Schultern trägt. Der Sprecher ist bereit, für sie zu sterben und beschreibt verschiedene mögliche Todesarten, von Krankheit in einem Krankenhaus bis hin zum Verrecken in dunklen Straßen. Er möchte ihr auch im Tod als "Maropampa" erhalten bleiben, ein Lächeln auf den Lippen, ein Fund im unendlichen Meer, das ihm Rosen öffnet. Das Gedicht endet mit einem Ausbruch von Leidenschaft und Verzweiflung. Der Sprecher wünscht sich, so betrunken zu sein, dass er der Frau seine Liebe gestehen kann, indem er ihre Hüften mit dem Sommer vergleicht. Er beschreibt eine Welt voller Wein, Sterne und Leidenschaft, in der er bereit ist, alles zu zerstören, um bei ihr zu sein. Der Sprecher ist bereit, die Landschaft zu verwüsten, das Meer auszusaufen und die Städte anzuzünden. Er droht sogar damit, den Mond zu töten und einen Sturm zu entfesseln, der die Erde zerstört. Das Gedicht ist eine Hymne auf die unendliche Liebe und Leidenschaft, die den Sprecher dazu treibt, alles für die Frau zu tun, die er verehrt.

Schlüsselwörter

blut will sonne städte horizont werde mira niemandsinseln

Wortwolke

Wortwolke zu Hymne des Maropampa

Stilmittel

Hyperbel
Sturm zerstiebt eure Erd, so am Horizont ich die Bresche haue ins Nichts!
Hyperbole
Städte anzünden, dass alles veräscht!
Metapher
Fund du im Uferlosen, das mir Rosen aufbricht.
Personifikation
Musik: des Mondes Silberhorn im Schwermut-Tuten.
Symbolik
Sonnantlitz strahlend über Heimatklippen ausgeglüht vom Glück.