Hymne an die Muse

Friedrich Hölderlin

1800

Schwach zu königlichem Feierliede, Schloß ich lang genug geheim und stumm Deine Freuden, hohe Pieride! In des Herzens stilles Heiligtum; Endlich, endlich soll die Saite künden, Wie von Liebe mir die Seele glüht, Unzertrennbarer den Bund zu binden, Soll dir huldigen dies Feierlied.

Auf den Höh’n, am ernsten Felsenhange, Wo so gerne mir die Träne rann, Säuselte die frühe Knabenwange Schon dein zauberischer Othem an; - Bin ich, Himmlische, der Göttergnaden, Königin der Geister, bin ich wert, Daß mich oft, des Erdetands entladen, Dein allmächtiges Umarmen ehrt? -

Ha! vermöcht’ ich nun, dir nachzuringen, Königin! in deiner Götterkraft Deines Reiches Grenze zu erschwingen, Auszusprechen, was dein Zauber schafft! - Siehe! die geflügelten Aeonen Hält gebieterisch dein Othem an, Deinem Zauber huldigen Dämonen, Staub und Aether ist dir untertan.

Wo der Forscher Adlersblicke beben, Wo der Hoffnung kühner Flügel sinkt, Keimet aus der Tiefe Lust und Leben, Wenn die Schöpferin vom Throne winkt; Seiner Früchte Süßestes bereitet Ihr der Wahrheit grenzenloses Land; Und der Liebe schöne Quelle leitet In der Weisheit Hain der Göttin Hand.

Was vergessen wallt an Lethes Strande, Was der Enkel eitle Ware deckt, Strahlt heran im blendenden Gewande, Freundlich von der Göttin auferweckt; Was in Hütten und in Heldenstaaten In der göttergleichen Väter Zeit Große Seelen duldeten und taten, Lohnt die Muse mit Unsterblichkeit.

Sieh! am Dornenstrauche keimt die Rose, So des Lenzes holder Strahl erglüht; - In der Pieride Mutterschoße Ist der Menschheit Adel aufgeblüht; Auf des Wilden krausgelockte Wange Drückt sie zauberisch den Götterkuß, Und im ersten glühenden Gesange Fühlt er staunend geistigen Genuß.

Liebend lächelt nun der Himmel nieder, Leben atmen alle Schöpfungen, Und im morgenrötlichen Gefieder Nahen freundlich die Unsterblichen. Heilige Begeisterung erbauet In dem Haine nun ein Heiligtum, Und im todesvollen Kampfe schauet Der Heroë nach Elysium.

Öde stehn und dürre die Gefilde, Wo die Blüten das Gesetz erzwingt; Aber wo in königlicher Milde Ihren Zauberstab die Muse schwingt, Blühen schwelgerisch und kühn die Saaten, Reifen, wie der Wandelsterne Lauf, Schnell und herrlich Hoffnungen und Taten Der Geschlechter zur Vollendung auf.

Laß der Wonne Zähre dir gefallen! Laß die Seele des Begeisterten In der Liebe Taumel überwallen! Laß, o Göttin! laß mich huldigen! - Siehe! die geflügelten Aeonen Hält gebieterisch dein Othem an. Deinem Zauber huldigen Dämonen - Ewig bin auch ich dir untertan.

Mag der Pöbel seinen Götzen zollen, Mag, aus deinem Heiligtum verbannt, Deinen Lieblingen das Laster grollen, Mag, in ihrer Schwäche Schmerz entbrannt, Stolze Lüge deine Würde schänden, Und dein Edelstes dem Staube weihn, Mag sie Blüte mir und Kraft verschwenden, Meine Liebe! - dieses Herz ist dein!

In der Liebe volle Lust zerflossen, Höhnt das Herz der Zeiten trägen Lauf, Stark und rein im Innersten genossen, Wiegt der Augenblick Aeonen auf; - Wehe! wem des Lebens schöner Morgen Freude nicht und trunkne Liebe schafft, Wem am Sklavenbande bleicher Sorgen Zum Genusse Kraft und Mut erschlafft.

Deine Priester, hohe Pieride! Schwingen frei und froh den Pilgerstab, Mit der allgewaltigen Aegide Lenkst du mütterlich die Sorgen ab; Schäumend beut die zauberische Schale Die Natur den Auserkornen dar, Trunken von der Schönheit Göttermahle Höhnet Glück und Zeit die frohe Schar.

Frei und mutig, wie im Siegesliede, Wallen sie der edeln Geister Bahn, Dein Umarmen, hohe Pieride! Flammt zu königlichen Taten an; - Laßt die Mietlinge den Preis erspähen! Laßt sie seufzend für die Tugenden, Für den Schweiß am Joche Lohn erflehen! Mut und Tat ist Lohn den Edleren!

Ha! von ihr, von ihr emporgehoben Blickt dem Ziele zu der trunkne Sinn - Hör es, Erd’ und Himmel! wir geloben, Ewig Priestertum der Königin! Kommt zu süßem brüderlichem Bunde, Denen sie den Adel anerschuf, Millionen auf dem Erdenrunde! Kommt zu neuem seligem Beruf!

Ewig sei ergrauter Wahn vergessen! Was der reinen Geister Aug ermißt, Hoffe nie die Spanne zu ermessen! - Betet an, was schön und herrlich ist! Kostet frei, was die Natur bereitet, Folgt der Pieride treuen Hand, Geht, wohin die reine Liebe leitet, Liebt und sterbt für Freund und Vaterland!

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Illustration zu Hymne an die Muse

Interpretation

Das Gedicht "Hymne an die Muse" von Friedrich Hölderlin ist ein leidenschaftliches Loblied auf die Muse, die als göttliche Inspirationsquelle und Schöpferin von Kunst und Schönheit verehrt wird. Hölderlin drückt seine tiefe Verehrung für die Muse aus und beschreibt sie als eine allmächtige Kraft, die die Geister lenkt und die Menschheit erhöht. Er erkennt die Muse als die Quelle seiner künstlerischen Inspiration und sehnt sich danach, ihre Macht und ihr Reich zu verstehen und zu erfassen. Das Gedicht ist geprägt von einer starken emotionalen Intensität und einem Gefühl der Erhabenheit. Hölderlin verwendet bildhafte Sprache und Metaphern, um die Macht und den Einfluss der Muse zu beschreiben. Er vergleicht sie mit einer Königin der Geister und einer Schöpferin, die die Aeonen beherrscht und Dämonen unterwirft. Die Muse wird als eine Kraft dargestellt, die Leben und Lust aus der Tiefe hervorbringt und die Menschheit mit Unsterblichkeit belohnt. Hölderlin betont auch die transformative Kraft der Muse, die den Wilden in einen Künstler verwandelt und ihm geistigen Genuss ermöglicht. Er beschreibt, wie die Muse den Himmel lächeln lässt und die Schöpfungen zum Leben erweckt. Sie errichtet heilige Begeisterung und ermöglicht es den Helden, nach Elysium zu schauen. Hölderlin preist die Muse als eine Quelle der Inspiration und des Trostes, die die Sorgen der Auserwählten lenkt und ihnen Glück und Zeit trotzt. Insgesamt ist "Hymne an die Muse" ein eindrucksvolles Gedicht, das die tiefe Verehrung und Bewunderung des Dichters für die Muse zum Ausdruck bringt. Es ist ein Aufruf an die Menschheit, sich der Muse zu unterwerfen und ihr ewiges Priestertum zu geloben. Hölderlin fordert die Menschen auf, das Schöne und Herrliche anzubeten und der reinen Liebe zu folgen, selbst wenn es bedeutet, für Freund und Vaterland zu sterben.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Säuselte die frühe Knabenwange
Anapher
Schwach zu königlichem Feierliede, Schloß ich lang genug geheim und stumm Deine Freuden, hohe Pieride!
Hyperbel
Und im todesvollen Kampfe schauet Der Heroë nach Elysium.
Metapher
Was der reinen Geister Aug ermißt
Personifikation
Wo der Forscher Adlersblicke beben