Hussens Kerker

Conrad Ferdinand Meyer

1898

Es geht mit mir zu Ende, Mein Sach und Spruch ist schon Hoch über Menschenhände Gerückt vor Gottes Thron, Schon schwebt auf einer Wolke, Umringt von seinem Volke, Entgegen mir des Menschen Sohn.

Den Kerker will ich preisen, Der Kerker, der ist gut! Das Fensterkreuz von Eisen Blickt auf die frische Flut, Und zwischen seinen Stäben Seh ich ein Segel schweben, Darob im Blau die Firne ruht.

Wie nah die Flut ich fühle, Als läg ich drein versenkt, Mit wundersamer Kühle Wird mir der Leib getränkt - Auch seh ich eine Traube Mit einem roten Laube, Die tief herab ins Fenster hängt.

Es ist die Zeit zu feiern! Es kommt die grosse Ruh! Dort lenkt ein Zug von Reihern Dem ewgen Lenze zu, Sie wissen Pfad und Stege, Sie kennen ihre Wege - Was, meine Seele, fürchtest du?

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Illustration zu Hussens Kerker

Interpretation

Das Gedicht "Hussens Kerker" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt von einer tiefen spirituellen Erfahrung im Angesicht des Todes. Der Sprecher befindet sich am Ende seines Lebens und spürt, dass sein Schicksal und sein Vermächtnis bereits vor Gott erhöht sind. Die Vision des Menschensohnes, der ihm auf einer Wolke entgegenkommt, symbolisiert die bevorstehende Begegnung mit dem Göttlichen und die Hoffnung auf Erlösung. In den folgenden Strophen beschreibt der Sprecher seinen Kerker als einen Ort der Ruhe und Schönheit, trotz seiner Enge. Das Fensterkreuz aus Eisen rahmt den Blick auf die frische Flut und ein Segel, das im Blau der Ferne ruht. Diese Bilder vermitteln ein Gefühl von Freiheit und Verbundenheit mit der Natur, selbst in der Gefangenschaft. Die tiefe Kühle, die den Körper durchdringt, und die Traube mit ihrem roten Laub, die ins Fenster hängt, verstärken die sinnliche Wahrnehmung des Sprechers und seine Annahme des bevorstehenden Übergangs. Im letzten Teil des Gedichts wird die Stimmung feierlich und beruhigend. Die Zeit des Feierns und der großen Ruhe ist gekommen, symbolisiert durch den Zug der Reiher, die ihrem ewigen Frühling entgegenfliegen. Diese Vögel kennen ihre Wege und Pfade, was die Sicherheit und die Gewissheit des Sprechers unterstreicht. Die Frage "Was, meine Seele, fürchtest du?" richtet sich an die eigene Seele und ermutigt sie, keine Angst zu haben, da der Weg ins Jenseits bereits bekannt und vertraut ist.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Und zwischen seinen Stäben Seh ich ein Segel schweben, Darob im Blau die Firne ruht.
Metapher
Das Fensterkreuz von Eisen Blickt auf die frische Flut
Personifikation
Dort lenkt ein Zug von Reihern Dem ewgen Lenze zu
Rhetorische Frage
Was, meine Seele, fürchtest du?
Symbolik
Auch seh ich eine Traube Mit einem roten Laube, Die tief herab ins Fenster hängt.