Horn und Flöte
1813Tief in des Berges Grunde, Da ruhte das Metall, In ödem Steingeklüfte, Taub, ohne Glanz und Schall. Oft um des Berges Gipfel Hat dumpf der Sturm gerauscht, Man hat in seinen Tiefen Gewässersturz erlauscht.
Fern an des Ganges Ufer, Da stand der Sandelbaum; Die Sonne einsam drüber Im weiten Himmelsraum. Goß die auf ihn hernieder Der Strahlen heiße Glut, So kühlte ihn der Lotos Durch seiner Düfte Flut.
Man wagte sich hinunter Bis zu des Berges Herz Und stahl mit keckem Finger Sein treu bewahrtes Erz. Durch Feuer und durch Wasser Hat das den Weg gemacht, Draus haben Menschenhände Ein Horn hervorgebracht.
Es haben gift′ge Winde Den edlen Baum entstellt, Dann hat ein fleiß′ger Schiffer Ihn ganz und gar gefällt. Ihn übers Meer zu führen, Hielt er ihn nicht zu schlecht, Zur Flöte fand ein Meister Drauf einen Zweig gerecht.
Nun bläsest du die Flöte Und du das Horn zur Stund′, Und Horn und Flöte machen Mir manch Geheimnis kund. Bald in des Berges Schoße Vermeine ich zu sein, Und bald, mich zu ergehen In Indiens Sonnenschein.
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Interpretation
Das Gedicht "Horn und Flöte" von Friedrich Hebbel beschreibt die Entstehung und den Klang von zwei Musikinstrumenten, die unterschiedliche Ursprünge und Kulturen repräsentieren. Das Horn entsteht aus Metall, das tief im Berg ruht und durch menschliche Arbeit und Handwerk geformt wird. Die Flöte hingegen entsteht aus einem Sandelbaum am Ufer des Ganges, der von der Sonne und dem Lotusduft genährt wird, aber von giftigen Winden und einem fleißigen Schiffer zerstört wird. Beide Instrumente werden durch Feuer und Wasser, durch Natur und Kultur, durch Zerstörung und Schöpfung hervorgebracht. Das Gedicht stellt einen Kontrast zwischen dem Berg und dem Ganges, zwischen Europa und Asien, zwischen dem Horn und der Flöte her. Das Horn symbolisiert die Stärke, die Härte, die Kälte, die Einsamkeit, die Tiefe, die Erde, die Nacht, den Winter, die Männlichkeit. Die Flöte symbolisiert die Zartheit, die Weichheit, die Wärme, die Gesellschaft, die Höhe, die Luft, den Tag, den Sommer, die Weiblichkeit. Das Gedicht zeigt auch die Verbindung zwischen den beiden Instrumenten, die beide aus der Natur entnommen und durch menschliche Kunst verwandelt werden. Sie sind beide Ausdruck von Schönheit, von Klang, von Gefühl, von Geheimnis. Das Gedicht endet mit einer persönlichen Ansprache an den Leser oder den Zuhörer, der beide Instrumente gleichzeitig spielt. Das Gedicht sagt, dass Horn und Flöte ihm viele Geheimnisse offenbaren. Das Geheimnis ist, dass der Dichter sich in beiden Welten zu Hause fühlt, in der Tiefe des Berges und in der Sonne Indiens. Er kann sich in beide Instrumente hineinversetzen und ihre verschiedenen Klänge und Stimmungen genießen. Er kann die Vielfalt und die Harmonie der Welt erfahren und ausdrücken. Er kann die Einheit und die Verschiedenheit der Kulturen erkennen und feiern.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Taub, ohne Glanz und Schall
- Bildlichkeit
- Oft um des Berges Gipfel Hat dumpf der Sturm gerauscht
- Enjambement
- Und stahl mit keckem Finger Sein treu bewahrtes Erz
- Hyperbel
- Zur Flöte fand ein Meister Drauf einen Zweig gerecht
- Kontrast
- Fern an des Ganges Ufer, Da stand der Sandelbaum; Die Sonne einsam drüber Im weiten Himmelsraum
- Metapher
- Goß die auf ihn hernieder Der Strahlen heiße Glut
- Personifikation
- Tief in des Berges Grunde, Da ruhte das Metall
- Symbolik
- Horn und Flöte