Hollunderzeit

Elisabeth Langgässer

1899

Der dem Hollunder die Sterne zu Tellern schmiedete und sie mit Süßem gefüllt: Juni! in elbischer Haut, von dem hellern Mantel der Nächte ekstatisch umhüllt -

Hör deinen Liebling, den bläulichen, dichten Ammenbusch, rieselnd von Rätsel und Reim und bis ins milchige Mark voll Geschichten: “Töchterchen! Söhnchen! Zu träumen, kommt heim!”

Demeter wartet. Es warten die Mütter mächtiger Riesen. Die Nornen, die drei, formen zur Kugel den Blitz im Gewitter, schneiden den Faden nicht. Eiapopei!

Geisterzug wiegt sich auf schwankenden Ästen, Tau füllt den Tränenkrug herztotem Kind, aber die Tropfen, schon zitternd am festen Rande - er läuft nicht. Denn Götter: sie sind.

Schwebe des Jahres. Hollunder und Rose halten einander voll Freude verschränkt. Leise lacht Holla. Heute wurde die große Hoffnung all ihren Geburten geschenkt.

Einfaches Liedchen. Die Sternbilder ziehen, Rosenblatt, Hollerbaum duften verwandt. Schlafe du, träume du! Beide Marien binden und lösen dir Windel und Band.

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Illustration zu Hollunderzeit

Interpretation

Das Gedicht "Hollunderzeit" von Elisabeth Langgässer zeichnet ein Bild des Junis als einer Zeit des Wunders und der Verbindung zwischen Natur und Mythologie. Der Holunder wird als magisches Wesen dargestellt, das die Sterne in Tellern schmiedet und mit Süßem füllt, was auf eine Verwandlung des Himmels in etwas Greifbares und Nährendes hindeutet. Die "elbische Haut" und der "helle Mantel der Nächte" verleihen dem Juni eine mystische, fast überirdische Qualität, die von Ekstase und Verzauberung geprägt ist. Der Holunderbusch wird als "Ammenbusch" beschrieben, der mit Rätseln und Reimen trieft und voller Geschichten ist. Er ruft die Kinder dazu auf, nach Hause zu kommen und zu träumen, was auf eine schützende, nährende Rolle hindeutet. Die Anwesenheit von Demeter und den Müttern mächtiger Riesen verstärkt die Verbindung zur griechischen Mythologie und dem Zyklus von Leben und Tod. Die Nornen, die Schicksalsgöttinnen, formen den Blitz zu einer Kugel, ohne den Faden des Lebens zu schneiden, was auf eine vorübergehende Aussetzung des Schicksals und eine Zeit des Friedens und der Hoffnung hindeutet. Das Gedicht endet mit einer Feier der Verbindung zwischen Holunder und Rose, die sich in Freude verschränken. Holla, eine Anspielung auf die germanische Göttin Holle, lacht leise, da die Hoffnung aller Geburten erfüllt wurde. Das einfache Liedchen, das den Schlaf und die Träume der Kinder besingt, wird von den beiden Marien gebunden und gelöst, was auf eine christliche Komponente hinweist und die Verbindung zwischen heidnischen und christlichen Traditionen herstellt. Die Sternbilder und der Duft von Rosenblättern und Holunderbaum verschmelzen zu einem harmonischen Ganzen, das die Einheit von Natur, Mythologie und menschlicher Erfahrung symbolisiert.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
binden und lösen
Anapher
Geisterzug wiegt sich auf schwankenden Ästen, Tau füllt den Tränenkrug
Apostrophe
Schlafe du, träume du!
Hyperbel
große Hoffnung
Interjektion
Eiapopei!
Metapher
Beide Marien binden und lösen dir Windel und Band
Personifikation
Juni! in elbischer Haut, von dem hellern Mantel der Nächte ekstatisch umhüllt
Sprachliche Wiederholung
Beide Marien binden und lösen dir Windel und Band
Symbolik
Windel und Band