Hohes Wasser

Ferdinand Freiligrath

1844

Halloh, nun drücke sich, wer zagt! Austritt der Rheinstrom mit Gebrause, Schießt in die Gassen ungefragt, Und macht sich breit vor jedem Hause! Pocht an die Thüren, stürmt den Heerd - Da hilft kein Dämmen und kein Stauen! Er will dem Städtchen, das er nährt, Auch einmal in die Stuben schauen.

Die braune Bergwand allerwärts Schickt ihm ihr dunkelgelb Gerinnsel; Komm, tritt ans Fenster, liebes Herz - Sie, unser Haus auch ward zur Insel! Doch gutes Muths! Ob hier und dort Die Flut auch auf die Treppen springe: Zu hoch am Fels doch liegt der Ort, Als daß es uns ans Leben ginge.!

Sieh’an der Mauer dort das Merk: Nicht, Lieb, du kannst den Strich gewahren? Dort hemmte sein Zerstörungswerk der alte Rhein vor sechzig Jahren! Da, wahrlich, übt’ er strengern Brauch, Wie hoch der Schaum auch diesmal fliege! Da riß er meine Mutter auch Mit sich als Kind in ihrer Wiege.

Doch da sogar, sieh nur den Strich, Blieb unser Stand hier ungefährdet! Drum auf, lieb Herz, und fasse dich, Wie auch die Schneefluth sich gebärdet! Drum gutes Muths! Gib mir die Hand! Glaub mir, der Strom wird uns verschonen! Gott schütze nur das Niederland, Und die die in seiner Fläche wohnen!

Du stimmst mir bei, du bist getrost! Und doch - auf’s Neue siehst du trübe! Nicht mehr die Fluth, die uns umtost - Ich weiß, was sonst dich ängstigt, Liebe! Dir ahnt, daß eine andre Fluth Bald unsre Heerdstatt überschwemme - Ich selber ja mit dreistem Muth Oeffn’ ihr die Schleusen und die Dämme!

Das offne Wort, das kühn und frei Aufriefe gern zu offnen Thaten; Das ehrlich zürnt und ohne Scheu - Das sticht sich durch mit keckem Spaten. Das gibt Gewalt dem breiten Strahl, Aus diesen liebgewordnen Räumen, Aus diesem ganzen prächt’ gen Thal Auf und von dannen uns zu schäumen!

Wohin? - noch weiß es Gott allein, Doch bin ich freudig und ergeben! Und du auch, Liebe, sollst es sein: Auch solche Springfluth hört zum Leben! Sie jagt es auf, sie frischt es an, Sie hütet es vor dumpfen Stocken - Drum ohne Bangen in den Kahn, Und gib dem Sturme deine Locken!

So recht! - am Steuer steh ich dreist, Und lasse kühl die Welle branden! Ob hier und dort ein Strick auch reißt - Wir werden landen und nicht stranden! Helloffen liegt vor uns die Welt, Ich bin gerecht in vielen Sätteln: So lange Faust und Schädel hält, Du Liebe, brauch’ ich nicht zu betteln!

Und halten werden beide mir, Wär’ es auch nur um deinetwillen! Um deinetwillen für und für Wird günstiger Wind mein Segel füllen! Wie Schiffe sanken, weil ihr Bord Zuflucht gewährte Einem Schlechten; So weht das meine heil zum Port, Dir zu Gefallen, der Gerechten!

Drum laß mich schaffen frank und flott, Was ernst die Seele mir gebietet! Frisch auf, noch lebt der alte Gott, Wie auch die Welle steigt und wüthet! Recht so: dein Auge strahlt voll Muth! Komm an mein Herz - Gott mit uns allen Und - sieh’ hinaus doch nach der Fluth! Ist sie nicht wirklich schon am Fallen?

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Illustration zu Hohes Wasser

Interpretation

Das Gedicht "Hohes Wasser" von Ferdinand Freiligrath ist eine eindringliche Darstellung einer Hochwassersituation am Rhein, die als Metapher für die turbulenten Zeiten der Revolution von 1848/49 dient. Das Gedicht beginnt mit einer lebendigen Beschreibung des ansteigenden Wassers, das die Straßen und Häuser überflutet und die Bewohner in Angst und Schrecken versetzt. Freiligrath nutzt die Naturgewalt des Hochwassers, um die Unberechenbarkeit und die potenzielle Zerstörungskraft revolutionärer Bewegungen zu verdeutlichen. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die persönliche Perspektive des lyrischen Ichs eingeführt, das gemeinsam mit seiner Liebsten die Gefahr des Hochwassers erlebt. Trotz der Bedrohung versucht das lyrische Ich, Mut zu machen und auf die historische Erfahrung zu verweisen, dass das Dorf trotz früherer Überschwemmungen überlebt hat. Diese Zuversicht spiegelt die Hoffnung wider, dass auch die revolutionären Bestrebungen trotz der Risiken zu einem positiven Wandel führen können. Das Gedicht kulminiert in einer metaphorischen Erweiterung, in der das Hochwasser zum Symbol für die freie Rede und die revolutionären Ideen wird, die das lyrische Ich selbst zu verbreiten bereit ist. Die Bereitschaft, die "Schleusen und die Dämme" zu öffnen, symbolisiert die aktive Teilnahme an der Verbreitung revolutionärer Gedanken. Trotz der potenziellen Gefahren und Unsicherheiten, wohin diese Bewegung führen mag, zeigt das lyrische Ich eine entschlossene Zuversicht und den Willen, die Herausforderungen mutig zu meistern. Das Gedicht schließt mit einer optimistischen Perspektive, dass die Flut, ähnlich wie die revolutionären Bewegungen, letztlich abebben und einem Neuanfang Platz machen wird.

Schlüsselwörter

drum gott herz sieh fluth liebe kein komm

Wortwolke

Wortwolke zu Hohes Wasser

Stilmittel

Alliteration
Wohl denen, die in seiner Fläche wohnen
Hyperbel
Da riß er meine Mutter auch Mit sich als Kind in ihrer Wiege
Metapher
Ist sie nicht wirklich schon am Fallen
Personifikation
Austritt der Rheinstrom mit Gebrause, Schießt in die Gassen ungefragt