Hohe Station
1825Hoch an der Windung des Passes bewohn ich ein niedriges Berghaus - Heut ist vorüber die Post, heut bin ich oben allein.. Lehnend am Fenster belausch ich die Stille des dämmernden Abends Rings kein Laut! Nur der Specht hämmert im harzigen Tann! Leicht aus dem Wald in den Wald hüpft über die Matte das Eichhorn, Spielend auf offenem Plan; denn es ist Herr im Bezirk. Jammer! Was hör ich? Ein schrilles Gesurre: “Gemordet ist Garfield!” “Bismarck zürnt im Gezelt!” “Väterlich segnet der Papst!” Schwirrt in der Luft ein Gerücht? Was gewahr ich? Ein schwärzliches Glöcklein! Unter dem Fenstergesims bebt der elektrische Draht, Der, wie die Schläge des Pulses beseelend den Körper der Menschheit, Durch das entlegenste Tal trägt die Gebärde der Zeit.
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Interpretation
Das Gedicht "Hohe Station" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt einen einsamen Aufenthalt in einem Berghaus, wo der Sprecher die Stille der Natur genießt. Die friedliche Atmosphäre wird jedoch durch Nachrichten gestört, die über einen elektrischen Draht eintreffen und auf ferne Ereignisse wie die Ermordung von Garfield, Bismarcks Zorn und den päpstlichen Segen hinweisen. Das Gedicht kontrastiert die Ruhe der Natur mit der hektischen Geschwindigkeit der modernen Kommunikation. Während der Sprecher die Stille des Abends und die spielerischen Eichhörnchen beobachtet, wird er plötzlich von schreienden Nachrichten und einem vibrierenden Telegrafendraht überrascht. Diese Gegenüberstellung verdeutlicht den Einfluss der Technologie auf das menschliche Leben und die Verflechtung der Welt. Der letzte Vers des Gedichts vergleicht den Telegrafendraht mit dem Puls des menschlichen Körpers und betont die Bedeutung der modernen Kommunikation für die Gesellschaft. Die Metapher verdeutlicht, wie Informationen durch selbst die entlegensten Täler getragen werden und die "Gebärde der Zeit" prägen. Das Gedicht reflektiert somit über den Wandel der Welt durch technologischen Fortschritt und die wachsende Vernetzung der Menschheit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- In 'schwärzliches Glöcklein' wird der Konsonant 'sch' wiederholt, um einen rhythmischen Effekt zu erzielen.
- Anspielung
- Die Erwähnung von 'Garfield', 'Bismarck' und 'dem Papst' bezieht sich auf historische und politische Figuren, was den Text in einen breiteren Kontext stellt.
- Bildsprache
- Die Beschreibung der Natur, wie das Eichhorn, das 'leicht aus dem Wald in den Wald hüpft', schafft lebendige visuelle Bilder.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen der Stille des Abends und dem plötzlichen Geräusch des elektrischen Drahts unterstreicht die Störung der Ruhe.
- Metapher
- Der elektrische Draht wird mit den Schlägen des Pulses verglichen, was die lebenswichtige und verbindende Funktion der Kommunikation betont.
- Personifikation
- Die Zeit wird als etwas dargestellt, das durch den elektrischen Draht 'getragen' wird, als ob sie eine physische Entität wäre.