Hoffnung
unbekanntLaß das Leben wanken, Laß es ganz vergehn, Über seine stillen Schranken Will ich ernst und mutig sehn. Findet gleich Vernunft die Wege In dem dunklen Lande nicht: Hoffnung kennt die Stege, Trägt ein sichres Licht.
Wenn mich alle lassen: Meine Hoffnung bleibt, Wird mich rettend dann umfassen, Wenn mich Not und Sünde treibt. Ob auch Tod und Trübsal wüte, Ob Gewalt der Böse hat, Herr, auf deine Güte Bau ich meine Stadt!
Ihn muß ich beklagen, Der die Hoffnung senkt; Ach, wie konnte er verzagen, Wo des Herren Wille lenkt! All sein Trost in Schmerz und Leiden, All sein Ruhm in Spott und Schmach Mußte von ihm scheiden, Da die Hoffnung brach.
Wer sie will umschmiegen Und nicht läßt in Not, Spricht: »O Grab, wo ist dein Siegen, Und wo ist dein Stachel, Tod!« Keine Macht ob seinem Herzen Hat der Trug und eitle Schein, Und aus bittern Schmerzen Preßt er süßen Wein.
Jesu, mich behüte, Stärke mein Bemühn; Ach, es war ja deine Güte, Die die Hoffnung mir verliehn! Wolltest du von mir dich wenden, Alles Gute wendet sich: Sünden ohne Enden, Schmach und Schuld um mich!
Hast du Leid beschlossen, Ist die Prüfung da, Herr, ich trag es unverdrossen, Bleibt mir deine Hoffnung nah. Alles magst du mir entziehen, Was mein Leben heiter macht, Hoffnung wird mir glühen, Wie ein Stern zur Nacht.
Willst du Freuden schicken, O du Herr so mild, Willst du mir mein Leben schmücken Mit des ird′schen Glückes Bild: Laß mein schwaches Herz nicht offen Sein für diese eitle Welt; All mein stilles Hoffen Sei auf dich gestellt!
Wenn dann meine Stunde Nun geschlagen hat, Und von meinem bleichen Munde Kaum noch tönt dein Name matt: Ach! dann werd′ ich freudig schauen, Wie mein Hoffen mag bestehn; Denn ein fromm Vertrauen Läßt nicht untergehn.
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Interpretation
Das Gedicht "Hoffnung" von Annette von Droste-Hülshoff ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema Hoffnung als spirituelle und emotionale Stütze. Die Dichterin beschreibt die Hoffnung als eine feste, unerschütterliche Kraft, die selbst in den dunkelsten Zeiten leuchtet und trägt. Sie steht im Zentrum des Gedichts als eine Art göttliches Licht, das den Weg weist, wenn Vernunft und Verstand versagen. Die Hoffnung wird als etwas beschrieben, das selbst den Tod und die Trübsal überdauert und den Menschen in Not und Sünde umfängt. Die Dichterin betont die Bedeutung der Hoffnung als eine Gabe Gottes, die sie als persönlichen Schutz und Stärke erfährt. Sie bittet Jesus, sie zu behüten und ihr Bemühen zu stärken, da sie erkennt, dass es die Güte Gottes war, die ihr die Hoffnung verliehen hat. Die Hoffnung wird als ein Stern in der Nacht beschrieben, der auch dann noch glüht, wenn alles andere verloren zu sein scheint. Die Dichterin fordert sich selbst auf, ihr Herz nicht für die eitle Welt zu öffnen, sondern ihr stilles Hoffen auf Gott zu richten. Im letzten Teil des Gedichts beschreibt die Dichterin ihre Vorstellung vom Sterben. Sie hofft, dass ihre Hoffnung auch dann noch bestehen wird, wenn ihre Stimme kaum noch den Namen Gottes aussprechen kann. Sie glaubt an ein "fromm Vertrauen", das nicht untergehen wird, und freut sich darauf, zu sehen, wie sich ihr Hoffen bewährt hat. Das Gedicht endet mit einem starken Bekenntnis zum Glauben und der Hoffnung als letzter Zuflucht und Trost im Angesicht des Todes.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Laß das Leben wanken
- Metapher
- ein fromm Vertrauen Läßt nicht untergehn
- Personifikation
- Wenn dann meine Stunde Nun geschlagen hat