Hoffnung

Emmanuel Geibel

1884

Und dräut der Winter noch so sehr Mit trotzigen Gebärden, Und streut er Eis und Schnee umher, Es muß doch Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht Sich vor den Blick der Sonne, Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur, ihr Stürme, blast mit Macht, Mir soll darob nicht bangen, Auf leisen Sohlen über Nacht Kommt doch der Lenz gegangen.

Da wacht die Erde grünend auf, Weiß nicht, wie ihr geschehen, Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf Und möchte vor Lust vergehen.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar Und schmückt sich mit Rosen und Ähren Und läßt die Brünnlein rieseln klar, Als wären es Freudenzähren.

Drum still! Und wie es frieren mag, O Herz, gib dich zufrieden; Es ist ein großer Maientag Der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut, Als sei die Höll’ auf Erden, Nur unverzagt auf Gott vertraut! Es muß doch Frühling werden.

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Illustration zu Hoffnung

Interpretation

Das Gedicht "Hoffnung" von Emmanuel Geibel ist eine lyrische Ode an den unaufhaltsamen Frühling und die damit verbundene Hoffnung. Der Autor verwendet das Motiv des jahreszeitlichen Wechsels als Metapher für die Unausweichlichkeit positiver Veränderungen und die Kraft der Hoffnung. Das Gedicht beginnt mit einer trotzigen Aussage, dass der Winter, trotz seiner Härte und seines Widerstandes, unweigerlich dem Frühling weichen muss. Geibel betont, dass selbst wenn die Dunkelheit und Kälte übermächtig erscheinen, das Licht und die Wärme des Frühlings unausweichlich sind. Diese Idee wird durch die Wiederholung des Satzes "Es muß doch Frühling werden" verstärkt, der als Refrain durch das gesamte Gedicht zieht. Im weiteren Verlauf beschreibt Geibel die Erneuerung der Natur im Frühling. Die Erde erwacht grünend, lacht in den Himmel und möchte vor Freude vergehen. Diese lebendigen Bilder symbolisieren die Wiederauferstehung und die überwältigende Freude, die mit dem Frühling einhergeht. Der Dichter verwendet auch Personifikation, indem er der Natur menschliche Eigenschaften wie Lachen und Schmücken zuschreibt. Das Gedicht endet mit einer Ermahnung an das Herz, ruhig zu bleiben und sich zu fügen, unabhängig davon, wie kalt es sein mag. Geibel versichert, dass ein großer Maientag der ganzen Welt bevorsteht. Der letzte Vers verbindet die Metapher des Frühlings mit einer spirituellen Botschaft: Auch wenn oft Angst und Schrecken herrschen, als sei die Hölle auf Erden, soll man unerschrocken auf Gott vertrauen, denn der Frühling wird unweigerlich kommen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Es muß doch Frühling werden
Metapher
Als sei die Höll' auf Erden
Personifikation
Auf leisen Sohlen über Nacht kommt doch der Lenz gegangen