Höhe des menschlichen Geistes
1838Wohin hat sich der Geist der Menschen nicht geschwungen? Die kleine Welt reicht hin, wie weit die große gränzt; Denn ist der spröde Leib gleich nur von Thon entsprungen, So sieht man doch, daß Gott aus diesen Schlacken glänzt, Daß etwas Himmlisches beseele das Gehirne, Der Ursprung sei von Gott, das Wesen vom Gestirne.
Die Sonne der Vernunft, das Auge des Gemüthes Macht uns zu Herrn der Welt, zu Meistern der Natur. Der Panther dämpft vor ihr das Schäumen des Geblütes; Sie nimmt der Schlang′ ihr Gift durch einen kräft′gen Schwur; Sie lehrt uns Drachen kirr′n und auf den Löwen reiten, Die Adler übereil′n, das Krokodil bestreiten.
Die Elemente selbst sind Mägde des Verstandes. Durch Leinwand und ein Bret zwingt man das große Meer; Wir machen aus der See ein fruchtbar Stücke Landes, Und wo erst Klippe war, kommt jetzt ein Segel her. Sie raubt Korall′ und Perl′ aus Amphitrite′s Grunde, Gräbt Gold und andres Mark aus der Gebirge Schlunde.
Wir spielen mit der Gluth und kurzweil′n mit den Flammen, Daß sie uns minder Weh, als Salamandern, thun; Wir theilen Wind und Luft auf tausend Art vonsammen Und machen, daß ihr Flug sich hemmen muß und ruh′n; Wir kehr′n die Berg′ in Thal; im Abgrund bau′n wir Klüfte Und große Städt′ in′s Meer, Thürm′ über Wolk- und Lüfte.
Ja, eines Menschen Geist kann tausend Wun′der stiften, Wenn Fleiß die Sinne schärft und Weisheit den Verstand. Die Welt, das große Buch, steckt in gelehrten Schriften, Daraus uns der Natur Geheimniß wird bekannt; Ja, ein scharfsinn′ger Geist ist fähig, das zu lernen, Was über die Natur, was außer Welt und Sternen.
In dem Gehirne steckt′s Register der Geschichte, Und sein Gedächtniß ist die Mappe ganzer Welt; Er zeucht Wald, Stein und Wild durch Harfen und Gedichte, Schafft durch Beredtsamkeit, daß Grimm und Pöbel fällt, Zwingt durch Gesetzes Zaum der rauhen Völker Sitten, Daß tausend Ländern kann ein einig Haupt gebieten;
Ergründet ohne Blei die Tiefen tiefer Flüsse, Mißt ohne Messen ab See, Berge, Thürme, Land; Wenn er legt Städt′ in Grund, von Feldern machet Risse, Ist Schatten seine Schnur, der Meßstab seine Hand; Schafft, daß ein einz′ger Arm ein Schiff stößt vom Gestade, Die Obelisken hebt, Colosse setzt gerade.
Ja, er schifft höher an; sein Meer ist′s Feld der Sternen, Das Fernglas ist sein Schiff, die Segel der Verstand. Durch diese Leitung kann jetzt Witz und Auge lernen, Wie wunderseltsam es im Himmel sei bewandt, Wie kein Planete nicht ein andres Licht sonst habe, Denn dies, womit die Sonn′ ihr halbes Theil begabe.
Wie um den Jupiter vier Sterntrabanten rennen, Wie Mars, trotz Hekla, Gluth und Feuer von sich speit, Wie in dem Monde Berg′ und Thäler ungleich brennen, Wie auch die Sonne nicht von Makeln sei befreit, Ihr Licht als Wolk′ und Rauch und Fackeln von sich säme, Wie Venus, Mars, Merkur, sowie der Mond, abnehme;
Wie länglich der Saturn sei wegen zwei Gefährten, Die, als zwei halbe Mond′, ihm an der Seite stehn; Wie grause Haargestirn′ und mit entflammten Gerten, Trotz ihres fremden Laufs ihm keinen Irrgang gehn. Kurz, unsre Nachwelt ist so hoch und weit gestiegen, Daß Tiphys und sein Schiff veracht′t und mastlos liegen;
Daß Galilei mit Fug des Himmels Tiphys heißet, Ein neu′ Endymion, den Phoebe nackend sah. – Und da der Geist sich dort so hoch vom Körper reißet, So kommt er der Natur hier auch nicht minder nah; Ja, diese Göttinn steigt zu ihm in Höhl′ und Erde, Daß ihr Geheimniß ihm vollkommen kundbar werde.
Er preßt aus Erzen Salz, aus edeln Steinen Säfte, Bereitet trinkbar Gold, macht Wasser aus Metall, Giebt in drei Tropfen ein wohl hundert Kräuterkräfte, Macht Lebensöl aus Gift und Zuckertränk′ aus Gall′, Kehrt Spießglas in Arznei, bringt Geister aus Granaten, Um wider Gift und Tod schon Sterbenden zu rathen.
Jedoch sind alles dies ihn noch zu enge Schranken; Weil er von Gott herkommt, so schwingt er sich zu Gott, Vergeistert andachtsvoll die himmlischen Gedanken, Umarmt die Ewigkeit, umschränkt mit Angst und Tod, Durchforscht die hohe Schrift, in der uns Gott heißt lesen; Ja, Glaub′ und Liebe faßt der Gottheit tiefstes Wesen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Höhe des menschlichen Geistes" von Daniel Caspar von Lohenstein ist eine Hymne auf die menschliche Vernunft und ihre Fähigkeiten. Es preist den menschlichen Geist als göttliches Geschenk, das den Menschen befähigt, die Welt zu beherrschen und die Natur zu verstehen. Der Dichter betont die unendlichen Möglichkeiten des menschlichen Geistes, der in der Lage ist, Wunder zu vollbringen und sogar die Geheimnisse des Universums zu ergründen. Das Gedicht ist in vierzehn Strophen unterteilt, wobei jede Strophe einen anderen Aspekt der menschlichen Vernunft beleuchtet. Von der Beherrschung der Natur über die Eroberung der Elemente bis hin zur Erforschung des Himmels und der Alchemie wird die Bandbreite der menschlichen Fähigkeiten dargestellt. Der Dichter verweist auch auf die Bedeutung von Fleiß und Weisheit für die Entfaltung des menschlichen Geistes. In den letzten Strophen wendet sich der Dichter dem Göttlichen zu. Er beschreibt, wie der menschliche Geist sich Gott nähert und die Ewigkeit umarmt. Der Dichter betont die Bedeutung von Glaube und Liebe für das Verständnis der Gottheit. Das Gedicht endet mit der Aussage, dass der menschliche Geist in der Lage ist, das tiefste Wesen der Gottheit zu erfassen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Sonne der Vernunft, das Auge des Gemüthes
- Hyperbel
- Die Welt, das große Buch, steckt in gelehrten Schriften
- Metapher
- Ja, Glaub' und Liebe faßt der Gottheit tiefstes Wesen
- Personifikation
- Die Elemente selbst sind Mägde des Verstandes
- Vergleich
- Daß Tiphys und sein Schiff veracht't und mastlos liegen