Hochzeitlied

Johann Wolfgang von Goethe

1749

Wir singen und sagen vom Grafen so gern, Der hier in dem Schlosse gehauset, Da, wo ihr den Enkel des seligen Herrn, Den heute vermählten, beschmauset. Nun hatte sich jener im heiligen Krieg Zu Ehren gestritten durch mannigen Sieg, Und als er zu Hause vom Rösselein stieg, Da fand er sein Schlösselein oben; Doch Diener und Habe zerstoben.

Da bist du nun, Gräflein, da bist du zu Haus: Das Heimische findest du schlimmer! Zum Fenster, da ziehen die Winde hinaus, Sie kommen durch alle die Zimmer.

Was wäre zu tun in der herbstlichen Nacht? So hab ich doch manche noch schlimmer vollbracht, Der Morgen hat alles wohl besser gemacht. Drum rasch bei der mondlichen Helle Ins Bett, in das Stroh, ins Gestelle!«

Und als er im willigen Schummer so lag, Bewegt es sich unter dem Bette.

Die Ratte, die raschle, solange sie mag! Ja, wenn sie ein Bröselein hätte!« Doch siehe! da stehet ein winziger Wicht Ein Zwerglein so zierlich mit Ampelenlicht, Mit Rednergebärden und Sprechergewicht, Zum Fuß des ermüdeten Grafen, Der, schläft er nicht, möcht er doch schlafen.

Wir haben uns Feste hier oben erlaubt, Seitdem du die Zimmer verlassen, Und weil wir dich weit in der Ferne geglaubt, So dachten wir eben zu prassen. Und wenn du vergönnest und wenn dir nicht graut, So schmausen die Zwerge, behaglich und laut, Zu Ehren der reichen, der niedlichen Braut.« Der Graf im Behagen des Traumes: Bedienet euch immer des Raumes!«

Da kommen drei Reiter, sie reiten hervor, Die unter dem Bette gehalten; Dann folget ein singendes, klingendes Chor Possierlicher, kleiner Gestalten; Und Wagen auf Wagen mit allem Gerät, Daß einem so Hören als Sehen vergeht, Wie′s nur in den Schlössern der Könige steht; Zuletzt auf vergoldetem Wagen Die Braut und die Gäste getragen.

So rennet nun alles in vollem Galopp Und kürt sich im Saale sein Plätzchen; Zum Drehen und Walzen und lustigen Hopp Erkieset sich jeder ein Schätzchen. Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt, Da ringelts und schleift es und rauschet und wirrt, Da pisperts und knisterts und flisterts und schwirrt; Das Gräflein, es blicket hinüber, Es dünkt ihn, als läg er im Fieber.

Nun dappelts und rappelts und klapperts im Saal Von Bänken und Stühlen und Tischen, Da will nun ein jeder am festlichen Mahl Sich neben dem Liebchen erfrischen; Sie tragen die Würste, die Schinken so klein Und Braten und Fisch und Geflügel herein, Es kreiset beständig der köstliche Wein; Das toset und koset so lange, Verschwindet zuletzt mit Gesange. -

Und sollen wir singen, was weiter geschehn, So schweige das Toben und Tosen! Denn was er, so artig, im Kleinen gesehn, Erfuhr er, genoß er im Großen. Trompeten und klingender, singender Schall Und Wagen und Reiter und bräutlicher Schwall, Sie kommen und zeigen und neigen sich all, Unzählige, selige Leute. So ging es und geht es noch heute.

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Illustration zu Hochzeitlied

Interpretation

Das Gedicht "Hochzeitlied" von Johann Wolfgang von Goethe erzählt die Geschichte eines Grafen, der nach einem heiligen Krieg nach Hause zurückkehrt und sein Schloss verlassen vorfindet. Er beschließt, sich für die Nacht in einem Strohgestell zur Ruhe zu legen. Während er schläft, bemerkt er ein Zwerglein, das ihn einlädt, an einem Fest der Zwerge teilzunehmen, die im Schloss gefeiert haben, seit er fort war. Der Graf willigt ein und beobachtet, wie die Zwerge mit Musik, Tanz und einem prächtigen Mahl ihre Hochzeit feiern. In der zweiten Hälfte des Gedichts setzt sich das Fest fort, wobei der Graf von der ausgelassenen Stimmung und den köstlichen Speisen beeindruckt ist. Am Ende erwacht der Graf aus seinem Traum und erlebt eine reale Hochzeitsfeier, die der fantastischen Zwergenhochzeit ähnelt. Das Gedicht endet mit dem Hinweis, dass solche Hochzeitsfeste bis heute stattfinden. Goethes "Hochzeitlied" ist ein märchenhaftes Gedicht, das Elemente des Volksglaubens und der Fantasie vereint. Es zeigt die Macht der Vorstellungskraft und die Freude an Feiern und Festen. Das Gedicht kann auch als eine Art Initiationsritus für den Grafen interpretiert werden, der durch seine Kriegserfahrungen gereift ist und nun bereit ist, sich dem häuslichen Leben und der Liebe zuzuwenden.

Schlüsselwörter

wagen kommen singen grafen heute ehren oben gräflein

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Stilmittel

Alliteration
Die Ratte, die raschle, solange sie mag!
Metapher
Da dachten wir eben zu prassen
Personifikation
Zum Fenster, da ziehen die Winde hinaus
Symbolik
Zum Fuß des ermüdeten Grafen
Übertreibung
Da kommt ein singendes, klingendes Chor