Hochsommer
1905O Frühling, holder fahrender Schüler, Wo zogst du hin? Die Linden blühn, Die Nächte werden stiller, schwüler, Und dichter schwillt das dunkle Grün.
Doch ach! die schönen Stunden fehlen, Wo jedes Leben überquoll, Wo trunken alle Schöpfungsseelen Ins Blaue schwärmten wollustvoll.
Nicht singt mehr, wie am Maienfeste, Die Nachtigall, die Rosenbraut; Sie fliegt zum tiefverborgnen Neste Mit mütterlich besorgtem Laut.
Der goldne längste Tag ist nieder, Der Himmel voll Gewitter glüht; Verklungen sind die ersten Lieder, Die schönsten Blumen sind verblüht.
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Interpretation
Das Gedicht "Hochsommer" von Hermann Lingg beschreibt den Übergang vom Frühling zum Hochsommer. Es beginnt mit einer Frage nach dem Verbleib des Frühlings, der als "fahrender Schüler" bezeichnet wird. Der Sprecher bemerkt, dass die Linden blühen, die Nächte stiller und schwüler werden und das Grün dichter wird. Dies deutet auf den Einzug des Sommers hin. Im zweiten Teil des Gedichts drückt der Sprecher seine Sehnsucht nach den "schönen Stunden" des Frühlings aus. Er vermisst die Zeit, in der das Leben überquoll und die Schöpfungsseelen "wollustvoll" ins Blaue schwärmten. Dies impliziert, dass der Sommer im Vergleich zum Frühling als weniger lebendig und vital empfunden wird. Im dritten Teil des Gedichts wird die Veränderung der Natur im Sommer beschrieben. Die Nachtigall, die einst am Maienfeste sang, fliegt nun mit mütterlichem Klang zu ihrem versteckten Nest. Dies symbolisiert den Wechsel von der Paarungszeit zur Brutpflege. Der "goldne längste Tag" ist bereits vorüber, der Himmel glüht vor Gewittern, die ersten Lieder sind verstummt und die schönsten Blumen verblüht. Dies verdeutlicht den Verlauf der Zeit und den Übergang vom Frühling zum Hochsommer, wobei der Sprecher eine gewisse Melancholie über den Verlust der Frühlingspracht empfindet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Die schönsten Blumen sind verblüht
- Personifikation
- O Frühling, holder fahrender Schüler