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Historienmaler – Französischer

Von

Wähle den Stoff nur gut, er sei fein klassisch, denn einzig
Ist es das Klassische nur, was mit der Kunst sich verträgt.
Römer und Griechen und Mythologie sind klassische Quellen,
Aber verstehe mich, daß du den Effekt nicht vergißt.
Ungewöhnlich sei Licht und Reflex, Halbschatten und Schatten,
Denn das Gewöhnliche bleibt einmal für immer gemein.
Was die Antike betrifft, so ahme den Reiz und die Wollust,
Ahme die sinnliche Form, aber die Kälte nicht nach
Gieb der Venus ein üppig Gelock, und künstliche Blumen,
Und so lüstern sie kann, liege die Schmachtende da.
Bildest du Helden, so bilde sie mir in rasender Stellung,
Nimm das tragische Spiel großer Acteurs zum Modell.
Componirest du Cäsars Tod, so denke, du malest
Furien, und daß der Blick stier nur und fürchterlich ist!
Nur nichts an Farben gespart, du hast auf Augen zu wirken,
Und auf die Menge, was gehn Sinn und Verstand dich denn an?

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Historienmaler - Französischer von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Historienmaler – Französischer“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine spöttische Anleitung für einen Historienmaler, der im Wesentlichen dazu ermutigt wird, Kunst als Mittel der reißerischen Effekthascherei zu betreiben, anstatt nach wahrhaftiger künstlerischer Integrität zu streben. Das Gedicht ist eine Satire auf die zeitgenössische Kunstszene, in der, so der Anschein, oberflächliche, theatralische Darstellungen mehr geschätzt wurden als tiefe, durchdachte Werke.

Die ersten Verse empfehlen dem Maler, sich auf „klassische“ Themen wie Römer, Griechen und mythologische Gestalten zu konzentrieren, jedoch mit der expliziten Mahnung, den „Effekt nicht zu vergessen“. Es geht also weniger um die authentische Auseinandersetzung mit der Antike als vielmehr um die Inszenierung von Spektakel und Dramatik. Die Anweisung, mit Licht und Schatten zu spielen und das „Gewöhnliche“ zu meiden, deutet auf den Wunsch nach Übertreibung und der Erzeugung von visuellen Reizen hin. Der Dichter ironisiert hier die Tendenz, das Publikum mit schrillen Mitteln zu beeindrucken, anstatt durch subtile Gestaltung zu berühren.

Die zweite Hälfte des Gedichts konkretisiert diese Anweisungen. Waiblinger gibt dem Maler Ratschläge, wie er die sinnliche Seite der antiken Figuren hervorheben kann, indem er Venus „üppig“ darstellt und sie in „lüsternen“ Posen zeigt. Auch Helden sollen „rasend“ dargestellt werden, wodurch die Emotionen des Zuschauers unmittelbar angesprochen werden sollen. Das Gedicht erreicht seinen Höhepunkt in der Anweisung, bei der Darstellung von Cäsars Tod an „Furien“ zu denken und den Blick des Dargestellten „stier“ und „fürchterlich“ zu machen. Hier wird die Übersteigerung des Dramatischen und der Emotionen bis zur Karikatur getrieben.

Der letzte Vers, der die Bedeutung von Farbe und die Ignorierung von „Sinn und Verstand“ betont, ist der Kern der Satire. Waiblinger kritisiert damit die Vorstellung, dass Kunst in erster Linie dazu dienen soll, das Auge zu befriedigen und die Menge zu beeindrucken, ohne Rücksicht auf tiefere Bedeutung oder intellektuelle Auseinandersetzung. Die Frage „was gehn Sinn und Verstand dich denn an?“ fasst die Kritik des Dichters an einer Kunst zusammen, die sich auf oberflächliche Effekte beschränkt und die eigentlichen Werte von Kunst, wie Reflexion, Wahrheit und Schönheit, vernachlässigt. Das Gedicht ist somit eine bissige Kritik an einer Kunstauffassung, die sich vom Anspruch der Wahrhaftigkeit entfernt und stattdessen auf die theatralische Inszenierung von Emotionen und visuellen Reizen setzt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.