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Historienmaler – Englischer

Von

Original vor allem, und voll der tiefsten Gedanken,
Unergründlich und groß sei dein erstaunliches Werk;
Führ′ es gigantisch aus, und vierzig Schuhe sind wenig,
Denn ein gewaltiger Geist will auch gewaltigen Raum.
Jage mir nicht nach Effekt, und halte nicht streng an Natur dich,
Ungeheures will ich, Seltsames bilden und sehn.
Wage nur keck, und vertrau′, in tausend Verkürzungen balle,
Wind′ und drehe die Schaar fliegender Engelchen du.
Wähle das Schwierigste nur, das Ungewöhnlichste sei dir
Vorwurf. Malst du vielleicht einst des Erlösers Geburt,
So bevölkre zuerst mit etlich Dutzend verschlungner
Gruppen die wimmelnde Luft, male den Kindermord auch!
Vorn auf ehlichem Bett sei die Madonna gelagert,
Joseph bei ihr, doch dabei laß mir die Tradition.
Jupiter schein′ es vielmehr und Juno; der heilige Knabe
Sei es allein, der den Sinn, der die Gestalten erklärt.
Und zum Zeichen des Siegs, den Davids Linie glorreich
Nach den Verheißungen jetzt über die Feinde gewann,
Male zur Seite des Christ den Riesen Goliath, wie er
Erderschütternd im Meer dampfenden Blutes sich wälzt.
Geld ja hast du genug, drum bleibe fein original mir,
Denn dem Britten geziemt′s nicht wie ein andrer zu sein.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Historienmaler - Englischer von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Historienmaler – Englischer“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine ironische und humorvolle Anleitung an einen Historienmaler, die paradoxerweise geradezu dazu aufruft, von jeglicher Konvention abzuweichen und sich in der Kunst völlig freizumachen. Der Sprecher des Gedichts gibt dem Maler Anweisungen, die scheinbar eine tiefgründige, monumentale Kunst fordern, jedoch in ihrer Ausführung ins Absurde abdriften.

Die Anweisungen des Sprechers fordern einerseits das „Originale“, „Unergründliche“ und „Große“ in der Kunst, verbunden mit der Forderung nach einem „gewaltigen Raum“. Andererseits werden dem Maler gleichzeitig absurde und abwegige Inhalte vorgegeben. Das Gedicht ist voll von Kontrasten: Der Maler soll sich von der Natur distanzieren, „Ungeheures“ und „Seltsames“ schaffen, aber gleichzeitig eine „wimmelnde Luft“ mit „fliegenden Engelchen“ gestalten. Diese Widersprüche deuten auf eine Kritik an der Kunstauffassung der Zeit, die sich durch eine übertriebene Theatralik und einen Hang zum Pathos auszeichnete.

Besonders deutlich wird die Ironie in der Wahl der Bildthemen. So soll der Maler beispielsweise die Geburt Christi darstellen, diese aber mit heidnischen Elementen wie Jupiter und Juno vermischen. Der Auftrag, den Kindermord in den Vordergrund zu rücken und Goliath, als Zeichen des Sieges Christi, im Blut wälzend darzustellen, unterstreicht die Verkehrung heiliger Themen und die Entstellung von religiösen Inhalten. Die letzte Zeile „Denn dem Britten geziemt’s nicht wie ein andrer zu sein“ persifliert den Nationalstolz und die vermeintliche Exklusivität der englischen Kunstszene.

Insgesamt ist das Gedicht eine brillante Satire auf die Anforderungen an die Kunst, die oft von äußeren Parametern wie Größe, Originalität und Theatralik geprägt sind, anstatt von inhaltlicher Tiefe oder wahrhaftiger Gestaltung. Waiblinger entlarvt die Leere solcher Ansprüche und zeigt, wie leicht die Kunst in eine oberflächliche und groteske Selbstdarstellung abgleiten kann, wenn die eigentlichen Werte der Kunst, wie Ausdruck, Sinnhaftigkeit und Authentizität, vernachlässigt werden.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.