Religion ist die Seele der Kunst und heil′ge Geschichte,
Und die Bibel allein bringt ihr Gedeihen und Heil.
Glauben und Frömmigkeit sei′s und stille christliche Demuth,
Und der heilige Geist, der dich beseele zum Werk.
Fliehe vor allem den Reiz der Sinnlichkeit, denn der Aesthetik
Ist sie Sünd′, ist sie Tod, wie der Moral sie es ist.
Geist, unsichtbares Wesen, geheimnißvolles und tiefes
Hast du zu malen, und nicht irdische niedre Natur.
Denn nach ihrem Gesetz, nach ihren lieblichen Formen
Schaue du nicht, das genügt einzig dem heidnischen Sinn.
Aus der eigenen Tiefe, dem innern Schauen und Fühlen
So empfange dein Bild, schaff′ es von innen heraus;
Und weil wir unsichtbar Unsichtbares bilden nicht können,
Sei′s von der groben Natur wenigstens gänzlich entfernt.
Drum mit wenigem Fleisch und himmlischer Magerkeit kleide
Deine Heil′gen, so daß fast ihre Seelen man sieht.
Alte Meister, sie lehren es dich, mit frommer Verehrung
Schaue sie an, und es wird dir das Geheimniß enthüllt.
Besser sind ihre Fehler, als selbst die Tugenden Neu′rer,
Bete Fiesole an, Guido verachte mir brav.
Bleibst du in Armuth auch, und schätzt man hienieden dich wenig,
Ist dir die Gnade dafür, jene von oben, gewiß.
Historienmaler – Deutscher
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Historienmaler – Deutscher“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine programmatische Beschreibung der Ideale, die für einen christlichen Historienmaler gelten sollen. Es ist ein Plädoyer für eine Kunst, die sich von der Sinnlichkeit und der Natur abwendet und stattdessen auf Glauben, Frömmigkeit und die Inspiration durch den Heiligen Geist setzt.
Das Gedicht beginnt mit der Feststellung, dass Religion die Seele der Kunst sei und die Bibel Quelle von Gedeihen und Heil. Der Künstler wird aufgefordert, Glauben, Demut und die Inspiration durch den Heiligen Geist zu pflegen. Die Betonung liegt auf dem „unsichtbaren Wesen“ des Geistes, das der Künstler erfassen soll, im Gegensatz zur „irdischen niedren Natur“. Waiblinger warnt vor den „Reizen der Sinnlichkeit“ und der Ästhetik, die als „Sünd‘“ und „Tod“ betrachtet werden. Der Künstler soll nicht nach den „lieblichen Formen“ der Natur schauen, die dem „heidnischen Sinn“ genügen, sondern aus seinem inneren Schauen und Fühlen schöpfen.
Die konkreten Ratschläge für die künstlerische Umsetzung sind ebenfalls bemerkenswert. Die Heiligen sollen mit „himmlischer Magerkeit“ dargestellt werden, so dass ihre Seelen sichtbar werden. Die Kunst des Historienmalers soll sich durch eine asketische Ästhetik auszeichnen, die das Geistige über das Materielle stellt. Waiblinger empfiehlt die Verehrung der „alten Meister“, deren Fehler besser seien als die Tugenden der „Neueren“. Er nennt explizit Fra Angelico (Fiesole) und fordert dazu auf, Guido Reni zu verachten. Dies verdeutlicht die Abkehr von den Idealen der Renaissance und des Barock, die Wert auf Sinnlichkeit und Schönheit legten.
Das Gedicht endet mit einem Trost für den Künstler, der im Leben möglicherweise Armut und geringe Wertschätzung erfährt. Die wahre Belohnung ist nicht irdischer Ruhm, sondern die „Gnade von oben“. Diese Botschaft spiegelt die Vorstellung wider, dass die wahre Kunst durch die Hingabe an Gott und die Ablehnung weltlicher Versuchungen entsteht. Waiblingers Gedicht ist somit ein klares Bekenntnis zu einer religiös motivierten, asketischen Kunstauffassung.
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