Hinter der Ausstellung für angewandte Kunst

Hanns von Gumppenberg

1901

Hier zwischen den Bäumen in Dämmernacht Hab′ ich das Fest erst mitgemacht! Da stellt unterm Dach tiefleuchtenden Blau′s Der junge Münchener Sommer aus: Geniale Blatter, famoses Gras Aus lauter Smaragd und Chrysopras, So wunderreich, und so schlicht doch nur, Chefs d′oeuvre der angewandten Natur!

Und wie ich so schaue und wandre allein, Kommt mir entgegen im grünen Schein Ein schönes Kind, das just wie ich Dem Trubel da drüben einsam entwich. So sicher schritt der blonde Schatz, Ließ baumeln den Strohhut an ihrem Arme, Als käme sie gar nicht aus dem Schwarme, Als wär′ sie daheim an diesem Platz.

Und als ich die Kleine näher sah, Mit einem Male bemerkt′ ich da Zu meinem Erstaunen und fast erschreckt, Daß sie selber hier ein Ausstellungsobjekt: Daß ihrer Glieder schlanke Blüte, Die Augen, darinnen die Sehnsucht glühte, Die brennenden Wangen, die schwellende Brust Ein Opus der Münchener Sommerlust! Wir blieben stehen, statt auszuweichen - Es war, als dächte sie selbst dergleichen: Als hätte auch sie in mir entdeckt Ein interessantes Ausstellungsobjekt!

Und beide benahmen wir erst uns recht dumm - Von Haus aus sind die Objekte ja stumm - Doch sprachen wir endlich, wenn ich nicht irre, Vom lachenden Himmel und Laubgewirre, Vom Vogelsang, den man vernimmt ganz sacht, Wenn die Blechmusik eine Pause macht, Und von mehr noch - alles behielt ich nicht, Denn ich sah ihr dabei in das süße Gesicht. Und schließlich, hinter den Zweigen versteckt, Küßt′ ich von Herzen mein Schwesterobjekt! Das schien uns selbstverständlich nur Im Sinne der angewandten Natur.

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Illustration zu Hinter der Ausstellung für angewandte Kunst

Interpretation

Das Gedicht "Hinter der Ausstellung für angewandte Kunst" von Hanns von Gumppenberg beschreibt eine Begegnung zwischen dem lyrischen Ich und einem jungen Mädchen in einem Park nach einem Fest. Die Szenerie wird als Ausstellung der Natur dargestellt, bei der die Pflanzen als "geniale Blätter" und "famoses Gras" ausgestellt sind. Das lyrische Ich trifft auf ein Mädchen, das ebenfalls dem Trubel des Festes entflieht und sich in der Natur zu Hause fühlt. Bei genauerer Betrachtung erkennt das lyrische Ich, dass auch das Mädchen ein "Ausstellungsobjekt" der Natur ist, mit ihrem jugendlichen Körper und ihrer Sehnsucht. Beide stehen sich gegenüber und erkennen sich gegenseitig als interessante Objekte. Obwohl sie zunächst unsicher sind, kommen sie ins Gespräch über die Natur, den Himmel und die Vögel. Das Gedicht endet mit einem Kuss zwischen dem lyrischen Ich und dem Mädchen, den sie als selbstverständlich im Sinne der "angewandten Natur" empfinden. Die Begegnung wird als natürlicher Teil der Natur dargestellt, in der sich zwei junge Menschen zueinander hingezogen fühlen und ihre Zuneigung ausdrücken.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anspielung
Im Sinne der angewandten Natur
Bildsprache
So wunderreich, und so schlicht doch nur
Ironie
Von Haus aus sind die Objekte ja stumm
Metapher
Chefs d'oeuvre der angewandten Natur
Personifikation
Der junge Münchener Sommer
Symbolik
Brennenden Wangen, die schwellende Brust
Vergleich
Geniale Blatter, famoses Gras Aus lauter Smaragd und Chrysopras