Hinter dem großen Spiegelfenster...

Klabund

1913

Hinter dem großen Spiegelfenster des Cafés Sitz ich und sehe heiß auf das Straßenpflaster, Suche im Treiben der Farben und Körper Heilung meines sentimentalen Wehs, Sehe viele Frauen, Fremde, bunte Offiziere, Gauner, Japaner, sogar einen Negermaster. Alle blicken sie zu mir und haben Sehnsucht nach der Musik im Innern, Wollen träumerisch- und sanfter Töne sich erinnern. Aber ich, an meinen Stuhl gebannt und gebrannt, Starre, staune nach draußen unverwandt, Daß jemand komme, freiwillig, nicht gedrängt, Ein blondes Mädchen… eine braune Dirne… In rosa, gelber, violetter Taille… … Oder meinetwegen eine dicke Rentierkanaille Mit schmalzigem, verfetteten Hirne - Nur daß er mir für fünf Minuten seine Gegenwart schenkt! Ich bin so einsam! Einsamer noch macht mich die süße Operette… O läg ich irgendwo in dunkler Nacht Ein Kind in einem Kinderbette, Von einer Mutter zart zur Ruh gebracht…

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Interpretation

Das Gedicht "Hinter dem großen Spiegelfenster..." von Klabund beschreibt die innere Zerrissenheit und Einsamkeit des lyrischen Ichs. Während es im Café sitzt und nach draußen auf das bunte Treiben der Straße blickt, sucht es vergeblich nach Heilung für sein "sentimentales Weh". Die äußere Welt erscheint ihm lebendig und voller Möglichkeiten, doch das Ich bleibt gefangen in seiner Isolation, unfähig, sich der Welt zu öffnen. Das lyrische Ich beobachtet die vorbeiziehenden Menschen mit einer Mischung aus Neugier und Sehnsucht, doch es bleibt passiv und wartet auf jemanden, der freiwillig zu ihm kommt. Die Erwähnung verschiedener Frauen, von einem "blonden Mädchen" bis zu einer "braunen Dirne", zeigt die Verzweiflung des Ichs und seine Bereitschaft, jede Form von Gesellschaft zu akzeptieren, selbst von Menschen, die es sonst vielleicht ablehnen würde. Diese Bereitschaft unterstreicht die tiefe Einsamkeit und den Wunsch nach menschlicher Nähe. Die Erwähnung der "süßen Operette" im Café verstärkt das Gefühl der Isolation, da die fröhliche Musik im Kontrast zur inneren Leere des Ichs steht. Der Wunsch, "irgendwo in dunkler Nacht ein Kind in einem Kinderbette" zu sein und von einer Mutter "zur Ruh gebracht" zu werden, offenbart ein tiefes Verlangen nach Geborgenheit und Schutz. Dieser Wunsch nach Rückkehr zu einem sorglosen, geschützten Zustand unterstreicht die Überforderung des Ichs durch die Komplexität des Erwachsenenlebens und seine Unfähigkeit, in der gegenwärtigen Welt Zuflucht zu finden.

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Stilmittel

Anapher
Ein blondes Mädchen... eine braune Dirne... In rosa, gelber, violetter Taille...
Hyperbel
Alle blicken sie zu mir und haben Sehnsucht nach der Musik im Innern
Metapher
Von einer Mutter zart zur Ruh gebracht
Personifikation
Sehe viele Frauen, Fremde, bunte Offiziere, Gauner, Japaner, sogar einen Negermaster