Himmelsnähe
1825In meiner Firne feierlichem Kreis Lagr ich an schmalem Felsengrate hier, Aus einem grünerstarrten Meer von Eis Erhebt die Silberzacke sich vor mir.
Der Schnee, der am Geklüfte hing zerstreut, In hundert Rinnen rieselt er davon Und aus der schwarzen Feuchte schimmert heut Der Soldanelle zarte Glocke schon.
Bald nahe tost, bald fern der Wasserfall, Er stäubt und stürzt, nun rechts, nun links verweht, Ein tiefes Schweigen und ein steter Schall, Ein Wind, ein Strom, ein Atem, ein Gebet!
Nur neben mir des Murmeltieres Pfiff, Nur über mir des Geiers heisrer Schrei, Ich bin allein auf meinem Felsenriff Und ich empfinde, dass Gott bei mir sei.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Himmelsnähe" von Conrad Ferdinand Meyer schildert eine einsame, aber spirituelle Erfahrung des lyrischen Ichs auf einem Berggipfel. Die eindrucksvolle Naturkulisse wird dabei zum Spiegel einer tiefen religiösen Erfahrung. Die majestätische Bergspitze, das Eis und der Schnee schaffen eine feierliche Atmosphäre, die den Sprecher in eine Art meditativen Zustand versetzt. Die Natur wird als lebendig und beseelt dargestellt, mit dem Wasserfall, der ständig präsent ist, und den Tieren, die den Menschen begleiten. Das Gedicht thematisiert die Nähe zu Gott in der Einsamkeit der Natur. Das lyrische Ich fühlt sich allein auf dem Felsenriff, doch diese Einsamkeit wird nicht als bedrohlich empfunden, sondern als spirituelle Erfahrung. Die Naturgeräusche, wie der Pfiff des Murmeltiers und der Schrei des Geiers, verstärken das Gefühl der Verbundenheit mit der Schöpfung. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass Gott in dieser einsamen, aber heiligen Umgebung gegenwärtig ist. Die Natur wird als ein Ort der Begegnung mit dem Göttlichen dargestellt, an dem der Mensch seine eigene Kleinheit und die Größe Gottes erfahren kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Der Soldanelle zarte Glocke schon
- Gegenüberstellung
- Nur neben mir des Murmeltieres Pfiff, Nur über mir des Geiers heisrer Schrei
- Kontrast
- Ein tiefes Schweigen und ein steter Schall
- Metapher
- Aus einem grünerstarrten Meer von Eis
- Personifikation
- Der Schnee, der am Geklüfte hing zerstreut
- Symbolik
- ein Wind, ein Strom, ein Atem, ein Gebet