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Himmelfahrt

Von

Schwebst du nieder aus den Weiten,
Nacht mit deinem Silberkranz?
Hebt in deine Ewigkeiten
mich des Dunkels milder Glanz?

Als ob Augen liebend winken:
alle Liebe sei enthüllt!
als ob Arme sehnend sinken:
alle Sehnsucht sei erfüllt –

strahlt ein Stern mir aus den Weiten,
alle Ängste fallen ab,
seligste Versunkenheiten,
strahlt und strahlt und will herab.

Und es treiben mich Gewalten
ihm entgegen, und er sinkt –
und ein Quellen, ein Entfalten
seines Scheines nimmt und bringt

und erlöst mich in die Zeiten,
da noch keine Menschen sahn,
wie durch Nächte Sterne gleiten,
wie den Seelen Rätsel nahn.

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Gedicht: Himmelfahrt von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Himmelfahrt“ von Richard Dehmel beschreibt eine mystische Erfahrung, eine Art transzendentale Reise in die Tiefen des Bewusstseins. Es beginnt mit einer Anrufung der Nacht, die mit ihrem „Silberkranz“ aus den „Weiten“ herabschwebt. Diese Eröffnung erzeugt eine Atmosphäre der Ehrfurcht und des Geheimnisses, die auf eine Begegnung mit dem Unbekannten hindeutet. Die Frage nach der Aufnahme in die „Ewigkeiten“ des „Dunkels“ suggeriert den Wunsch nach Auflösung und Erleuchtung. Die ersten Strophen etablieren eine Sehnsucht nach etwas Größerem, nach einer Erfahrung, die über das Alltägliche hinausgeht.

Die zweite Strophe intensiviert die emotionale Komponente. Die Nacht wird personifiziert und scheint mit „liebend winken“ Augen und sich „sehnend sinken“ Armen eine Botschaft der Liebe und Erfüllung zu vermitteln. Diese Metaphern evozieren ein Gefühl der Geborgenheit und des Trostes. Die „Sehnsucht“, die „alle Liebe“ und die „Ängste“ (aus der dritten Strophe) werden im Kontext der Nacht und des Sterns als aufgelöst dargestellt. Die Strophe deutet eine tiefe emotionale Auflösung an, eine Verschmelzung mit etwas Universellem. Der „Stern“, der in der dritten Strophe erscheint, wird zur zentralen Figur. Seine Strahlung versetzt den Erzähler in einen Zustand der „seligsten Versunkenheiten“.

In den folgenden Strophen wird die Erfahrung konkreter. Der Erzähler wird von „Gewalten“ angetrieben und erlebt ein „Quellen, ein Entfalten“ des Sternenscheins. Diese Zeilen weisen auf einen aktiven, passiven Prozess hin, bei dem der Erzähler sowohl getrieben wird als auch teilnimmt. Das „Sinkt“ des Sterns suggeriert eine Annäherung, eine Verschmelzung. Die letzte Strophe kulminiert in einer „Erlösung“ in eine Zeit, in der „keine Menschen“ die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Die „Sterne“, die durch die „Nächte gleiten“ und die „Rätsel“, die den „Seelen“ nahen, deuten auf eine Erfahrung jenseits der menschlichen Erkenntnis und des Begreifens hin.

Insgesamt ist „Himmelfahrt“ eine poetische Darstellung einer spirituellen Erfahrung, die von Sehnsucht, Auflösung und letztendlich Erlösung geprägt ist. Dehmel verwendet eine kraftvolle Bildsprache, um die Atmosphäre des Geheimnisvollen zu erzeugen und die tiefe emotionale Reise des Sprechers zu vermitteln. Das Gedicht kann als eine Hymne an die Nacht, die Sterne und die Suche nach einer höheren Wahrheit interpretiert werden, die über die Grenzen des menschlichen Verständnisses hinausgeht. Die Verwendung von Personifikationen und Metaphern verstärkt die mystische Qualität und lädt den Leser ein, sich in die Tiefen der Erfahrung des Sprechers zu versenken.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.