Hetären-Gräber
1904In ihren langen Haaren liegen sie mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern. Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne. Skelette, Munde, Blumen. In den Munden die glatten Zähne wie eine Reise-Schachspiel aus Elfenbein in Reihen aufgestellt. Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen, Hände und Hemden, welkende Gewebe über dem eingestürzten Herzen. Aber dort unter jenen Ringen, Talismanen und augenblauen Steinen (Lieblingsangedenken) steht noch die stille Krypta des Geschlechtes, bis an die Wölbung voll mit Blumenblättern. Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte, - Schalen gebrannten Tones, deren Bug ihr eignes Bild geziert hat, grüne Scherben von Salben-Vasen, die wie Blumen duften, und Formen kleiner Götter: Hausaltäre, Hetärenhimmel mit entzückten Göttern. Gesprengte Gürtel, flache Skarabäen, kleine Figuren riesigen Geschlechtes, ein Mund der lacht und Tanzende und Läufer, goldene Fibeln, kleinen Bogen ähnlich zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette, und lange Nadeln, zieres Hausgeräte und eine runde Scherbe roten Grundes, darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift die straffen Beine eines Viergespannes. Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind, die hellen Lenden einer kleinen Leier, und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe: des Fußgelenkes leichter Schmetterling. So liegen sie mit Dingen angefüllt, kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat, zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel), und dunkeln wie der Grund von einem Fluß. Flußbetten waren sie, darüber hin in kurzen schnellen Wellen (die weiter wollten zu dem nächsten Leben) die Leiber vieler Jünglinge sich stürzten und in denen der Männer Ströme rauschten. Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen der Kindheit, kamen zagen Falles nieder und spielten mit den Dingen auf dem Grunde, bis das Gefälle ihr Gefühl ergriff: Dann füllten sie mit flachem klaren Wasser die ganze Breite dieses breiten Weges und trieben Wirbel an den tiefen Stellen; und spiegelten zum ersten Mal die Ufer und ferne Vogelrufe -, während hoch die Sternennächte eines süßen Landes im Himmel wuchsen,die sich nirgends schlossen.
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Interpretation
Das Gedicht "Hetären-Gräber" von Rainer Maria Rilke beschreibt die in Gräbern gefundenen Überreste und Beigaben von Hetären, antiken griechischen Kurtisanen. Die Toten liegen in ihren langen Haaren, mit eingefallenen Gesichtern und geschlossenen Augen, als wären sie müde von zu viel Ferne. Ihre Skelette und Münder werden mit Schachfiguren aus Elfenbein verglichen, und um sie herum liegen Blumen, Perlen, Knochen und welkende Stoffe. Unter Ringen und Talismanen steht noch die stille Krypta des Geschlechtes, gefüllt mit Blumenblättern und weiteren Beigaben wie Scherben von Salben-Vasen, kleinen Götterfiguren, Gürteln, Fibeln und Nadeln. Die Gräber sind angefüllt mit kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug und Hausrat, die allesamt in die Gräber gefallen sind. Das Gedicht vergleicht die Gräber mit Flussbetten, in denen sich die Leiber vieler Jünglinge in kurzen, schnellen Wellen stürzten, auf der Suche nach dem nächsten Leben. Die Ströme der Männer rauschten in diesen Gräbern, und manchmal brachen Knaben aus den Bergen der Kindheit aus, spielten mit den Dingen auf dem Grunde, bis das Gefälle ihr Gefühl ergriff. Sie füllten die Gräber mit flachem, klarem Wasser, trieben Wirbel an den tiefen Stellen und spiegelten zum ersten Mal die Ufer und fernen Vogelrufe. Währenddessen wuchsen im Himmel die sternenklaren Nächte eines süßen Landes, die sich niemals schlossen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Hände und Hemden, welkende Gewebe
- Bildsprache
- die straffen Beine eines Viergespannes
- Enjambement
- In ihren langen Haaren liegen sie mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.
- Hyperbel
- kleine Figuren riesigen Geschlechtes
- Metapher
- Flußbetten waren sie
- Personifikation
- deren Bug ihr eignes Bild geziert hat
- Symbolik
- Augenblau Steine (Lieblingsangedenken)
- Vergleich
- die wie Blumen duften