Hesperos
1882Über schwarzem Tannenhange Schimmerst mir zum Abendgange, Eine Liebe fühl ich neigen Sich in deinem Niedersteigen, Unbemerkt bist du gekommen, Aus der blassen Luft entglommen. So mit ungehörten Tritten, Durch die Dämmrung hergeglitten, Kam die Mutter, die mir legte Auf die Schulter die bewegte Hand, dass ich ihr nicht verhehle, Was ich leide, was mich quäle, Und warum ich ohne Klage Mich verzehre, mich zernage. Und ich schwieg, und unter Zähren Liess sie meinen Trotz gewähren. Hat sie Wohnung jetzt, die Milde, Dort in deinem Lichtgefilde? Deiner Strahlen saug ich jeden, Durch das Dunkel hör ich reden, - Und mir ist, als ob die kühle Hand ich auf der Schulter fühle - Reden nicht von Seligkeiten, Nur Erinnrung alter Zeiten! Jetzt versteht sie ohne Kunde, Wer ich bin im Herzensgrunde. Dies und jenes muss sie schelten, Andres lässt sie heiter gelten, Und sie meint, wie sichs entschieden, Gebe sie sich auch zufrieden … Abendstern, du eilst geschwinde! Lass sie plaudern mit dem Kinde! Freundlich zitternd gehst du nieder … Mutter, Mutter, komme wieder!
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Interpretation
Das Gedicht "Hesperos" von Conrad Ferdinand Meyer ist eine tiefgründige und emotionale Betrachtung der Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und seiner Mutter, symbolisiert durch den Abendstern Hesperos. Das Gedicht beginnt mit einer eindrucksvollen Naturbeschreibung, bei der der Abendstern über den schwarzen Tannenhängen leuchtet. Diese Szenerie dient als Metapher für die Sehnsucht und die unausgesprochene Liebe, die das lyrische Ich empfindet. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die tiefe Verbundenheit zwischen Mutter und Kind deutlich. Die Mutter wird als einfühlsame und verständnisvolle Figur dargestellt, die versucht, das Leid und die Qualen des lyrischen Ichs zu erkennen und zu lindern. Trotz der Bemühungen der Mutter bleibt das lyrische Ich stumm und lässt seinen Trotz walten, was auf eine komplizierte Beziehung und ungelöste Konflikte hindeutet. Im letzten Teil des Gedichts kehrt die Mutter in Form des Abendsterns zurück und spricht mit dem lyrischen Ich. Diese Begegnung ist von einer Mischung aus Trost und Erinnerung geprägt. Die Mutter versteht nun ohne Worte, wer das lyrische Ich im Innersten ist, und akzeptiert sowohl die guten als auch die schlechten Seiten. Das Gedicht endet mit einer herzlichen Bitte des lyrischen Ichs an den Abendstern, die Mutter möge noch länger bei ihm bleiben und mit ihm sprechen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Mutter, Mutter, komme wieder
- Personifikation
- Über schwarzem Tannenhange Schimmerst mir zum Abendgange