Herr und Knecht
1912Weg das Gesicht! Ich duld es nicht! Wo ist der zweite Jäger? So ruft der Graf in zorn′gem Ton, Der Alte schleicht betrübt davon, Des Forstes bester Pfleger.
Das Hifthorn schallt, Nun in den Wald! Es ist zum ersten Male, Daß er dies Schloß im finstren Tann Besucht, er sah′s nur dann und wann Von fern im Mondenstrahle.
Sie sprengen fort; Was kauert dort Am Wege, hinterm Flieder? Der Greis, er zeigt aufs graue Haupt, Der Jüngling aber flucht und schnaubt: Du kehrst mir nimmer wieder!
Mit eins so wild Und sonst doch mild? So fragt man in der Runde. Ich sah den Mann schon Böses tun, Doch ganz vergebens sinn ich nun, Ich weiß nicht Ort, noch Stunde!
Er jagt allein Im tiefsten Hain, Den schwarzen Eber hetzend; Die andern blieben weit zurück, Da stürzt sein Pferd, an einem Stück Gestein den Fuß verletzend.
Der Alte tritt Mit raschem Schritt Hervor, von Gott gesendet; Er fängt das Tier im grimm′gen Lauf Behend mit seinem Spieße auf, Da liegt es und verendet!
Nun kehrt er stumm Sich wieder um, Dem Herrn die Hand zu geben; Doch der springt auf: Noch immer da? So ist dir auch das Ende nah! Und will den Speer schon heben.
Da bringt die Wut Das treue Blut Des Alten auch zum Kochen; Er zieht das Messer, eh′ er′s denkt, Und hat, so wie er′s kaum geschwenkt, Den Jüngling auch durchstochen.
Und blutbedeckt, Zum Tod erschreckt, Bleibt er gebückt nun stehen. Der Sterbende blickt über sich Und murmelt noch: So habe ich Ihn schon im Traum gesehen!
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Interpretation
Das Gedicht "Herr und Knecht" von Friedrich Hebbel erzählt eine tragische Geschichte von Macht, Demütigung und letztendlicher Rache. Es beginnt mit einer Szene der Herabwürdigung, in der ein Graf einen alten Waldhüter anbrüllt und ihn wegschickt. Die Jagdgesellschaft bricht auf, und der Graf, der das Schloss zum ersten Mal im Wald besucht, jagt allein in den tiefsten Hain. Im zweiten Teil des Gedichts ereignet sich der entscheidende Wendepunkt. Der Graf stürzt vom Pferd und verletzt sich am Fuß. Der alte Waldhüter, der von Gott gesandt zu sein scheint, eilt herbei und tötet mit seinem Spieß ein Wildschwein, das den Grafen bedroht. Anstatt Dankbarkeit zu zeigen, reagiert der Graf wütend auf das Erscheinen des Alten und droht ihm mit dem Speer. Im finalen Teil kommt es zur Konfrontation und zum tragischen Ende. Der alte Waldhüter, dessen "treues Blut" ebenfalls zum Kochen gebracht wurde, zieht sein Messer und ersticht den Grafen. In seinen letzten Momenten erkennt der Sterbende, dass er den Alten bereits im Traum gesehen hat, was auf eine Vorahnung oder ein Schicksal hindeutet. Das Gedicht endet mit dem Bild des blutbedeckten Alten, der über den Sterbenden gebeugt steht. Die Interpretation dieses Gedichts könnte sich auf Themen wie die Missbrauch von Macht, die Folgen von Demütigung und die Idee des vorherbestimmten Schicksals konzentrieren. Es zeigt, wie eine Kette von Ereignissen, ausgelöst durch die anfängliche Grausamkeit des Grafen, zu einem unausweichlichen und tragischen Ende führt. Das Gedicht wirft auch Fragen nach Gerechtigkeit und Rache auf, sowie die Idee, dass Handlungen Konsequenzen haben, die oft unvorhersehbar und weitreichend sind.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- So ruft der Graf in zorn'gem Ton
- Anapher
- Weg das Gesicht! Ich duld es nicht! Wo ist der zweite Jäger?
- Bildsprache
- Den schwarzen Eber hetzend
- Enjambement
- Sie sprengen fort; Was kauert dort Am Wege, hinterm Flieder?
- Ironie
- Ich sah den Mann schon Böses tun, Doch ganz vergebens sinn ich nun, Ich weiß nicht Ort, noch Stunde!
- Kontrast
- Mit eins so wild Und sonst doch mild?
- Metapher
- Des Forstes bester Pfleger
- Personifikation
- Das Hifthorn schallt
- Symbolik
- Der Sterbende blickt über sich Und murmelt noch: So habe ich Ihn schon im Traum gesehen!