Herbstschauer

Felix Dörmann

1870

Hinter fernen dunklen Häusermassen, Versinkt die Sonne, Ein tränenverschleiertes, Müdegeweintes, Riesengroßes Menschenauge. Der Himmel aber leuchtet Aus schwarzen Wolkenbänken Matt und fahl, Schier wie ein totenblasses Menschenkind, Ein gramgebeugtes, Das gern, so gerne sterben möchte - Und leben muß. Es klingt so schaurig Wie Krankenstöhnen Durch kahle Bäume Das Ächzen des Windes, Und gelbe, dürre, verfaulende Blätter Sie tanzen mit ihm einen taumelnden Reigen Und flüstern und rauschen Geschichten sich zu, Sterbenstraurig, Verwesungsduftig Und totentanzlustig. Schwer auf die kalte, starre Erde Tropft meiner Tränen brennende Saat… Nicht der Taumel schreiender Lust, Nicht verspäteter Arbeit eherne Fessel Tilgt aus der Seele den marternden Stachel, Den das Bewußtsein Eines verlorenen, Achtlos verstreuten Lebens Qualvoll hineinbohrt.

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Illustration zu Herbstschauer

Interpretation

Das Gedicht "Herbstschauer" von Felix Dörmann vermittelt eine tief melancholische und düstere Stimmung, die den Herbst als Metapher für das Ende des Lebens und das Gefühl des Verlusts verwendet. Die Sonne, die hinter den dunklen Häusermassen versinkt, wird als ein "müdegeweintes, riesengroßes Menschenauge" beschrieben, was die Erschöpfung und das Ende eines Zyklus symbolisiert. Der Himmel, der aus schwarzen Wolkenbänken "matt und fahl" leuchtet, wird mit einem "totenblassen Menschenkind" verglichen, das gerne sterben möchte, aber leben muss. Diese Bilder unterstreichen die Themen der Verzweiflung und der unausweichlichen Lebenslast. Der Wind, der durch die kahlen Bäume weht, klingt wie "Krankenstöhnen", und die gelben, trockenen Blätter tanzen einen "taumelnden Reigen", während sie "sterbenstraurig" und "totentanzlustig" Geschichten flüstern. Diese Szenerie vermittelt eine unheimliche, fast feierliche Atmosphäre des Todes und des Verfalls, die den Zyklus von Leben und Tod widerspiegelt. Die Blätter, die mit dem Wind tanzen, symbolisieren die vergängliche Natur des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Im letzten Abschnitt des Gedichts wird die persönliche Qual des lyrischen Ichs deutlich, das von "brennender Saat" der Tränen spricht, die auf die "kalte, starre Erde" tropfen. Das Bewusstsein eines "verlorenen, achtlos verstreuten Lebens" bohrt einen "marternden Stachel" in die Seele, der weder durch die "schreiende Lust" noch durch die "eherne Fessel" der Arbeit gelindert werden kann. Dies unterstreicht die tiefe innere Unruhe und das Bedauern über ein verpasstes oder verschwendetes Leben, das den Herbst als Zeit der Reflexion und des Bedauerns nutzt.

Schlüsselwörter

fernen dunklen häusermassen versinkt sonne tränenverschleiertes müdegeweintes riesengroßes

Wortwolke

Wortwolke zu Herbstschauer

Stilmittel

Metapher
Den das Bewußtsein Eines verlorenen, Achtlos verstreuten Lebens Qualvoll hineinbohrt
Personifikation
Und flüstern und rauschen Geschichten sich zu
Vergleich
Schier wie ein totenblasses Menschenkind