Herbstnacht

Gottfried Keller

1819

Als ich, ein Kind, am Strome ging, Wie ich da fest am Glauben hing, Wenn ich den Wellen Blumen gab, So zögen sie zum Meer hinab.

Nun hält die schwarz verhüllte Nacht Erschauernd auf den Wäldern Wacht, Weil bald der Winter, kalt und still, Doch tödlich mit ihr ringen will.

Schon rauscht und wogt das weite Land Geschüttelt von des Sturmes Hand, Es braust von Wald zu Wald hinauf Entlang des Flusses wildem Lauf.

Da schwimmt es auf den Wassern her, Wie ein ertrunknes Völkerheer Schwimmt Leich′ an Leiche, Blatt an Blatt, Was schon der Streit verschlungen hat.

Das ist das tote Sommergrün, Das zieht zum fernen Weltmeer hin Ade, ade, du zarte Schar, Die meines Herzens Freude war!

Sing′s in die Niedrung, dunkle Flut: Hier oben glimmt ein heisses Blut, Wie Heidefeuer einsam glüht, An dem die Welt vorüber zieht

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Illustration zu Herbstnacht

Interpretation

Das Gedicht "Herbstnacht" von Gottfried Keller schildert den Übergang vom Herbst zum Winter als eine melancholische und zugleich leidenschaftliche Zeit der Veränderung. Im ersten Teil erinnert sich der lyrische Ich an die Kindheit, als es am Fluss Blumen den Wellen überließ, die sie zum Meer trugen. Diese Handlung symbolisiert einen kindlichen Glauben an die Unendlichkeit der Natur und die Hoffnung auf ewiges Leben. Im zweiten Teil beschreibt der Dichter die dunkle und bedrohliche Nacht, die über den Wäldern wacht. Der Winter steht bevor und wird als kalter, stiller und tödlicher Gegner dargestellt. Die Natur wird von einem Sturm erschüttert und der Fluss rauscht wild. Die Blätter, die vom Streit des Windes verschlungen wurden, schwimmen auf dem Wasser wie ein ertrunkenes Völkerheer. Dieses Bild vermittelt die Endgültigkeit des Todes und den Verlust der sommerlichen Pracht. Im letzten Teil des Gedichts richtet sich der lyrische Ich an die Blätter, die zum fernen Meer ziehen. Er verabschiedet sich von ihnen als von einer zarten Schar, die einst seine Herzensfreude war. Doch trotz der Trauer um den Verlust gibt es einen Funken Hoffnung und Leidenschaft. Das heiße Blut, das wie ein einsames Heidefeuer glüht, symbolisiert die unsterbliche Liebe und den unbezwingbaren Lebenswillen, der selbst in der dunkelsten Nacht nicht erlischt.

Schlüsselwörter

wald schwimmt blatt zieht ade kind strome ging

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Entlang des Flusses wildem Lauf
Anapher
Ade, ade, du zarte Schar
Kontrast
Hier oben glimmt ein heisses Blut, Wie Heidefeuer einsam glüht, An dem die Welt vorüber zieht
Metapher
Das ist das tote Sommergrün
Personifikation
Nun hält die schwarz verhüllte Nacht Erschauernd auf den Wäldern Wacht