Herbstlied
1782Lasst uns auf alle Berge gehen, Wo jetzt der Wein zu Tale fliesst, Und überall am nächsten stehen, Wo sich der Freude Quell ergiesst, Uns tief in allen Augen spiegeln, Die durch das Rebenland erglühn! Lasst uns das letzte Lied entriegeln, Wo noch zwei rote Lippen blühn!
Seht, wie des Mondes Antlitz glühend Im Rosenscheine aufersteht, Indes die Sonne, freudesprühend, Den Leib im Westmeer baden geht! Wie auf der Jungfrau′n einer Wange Der Widerschein des Mondes ruht, Dieweil erhöht vom Niedergange, Erglänzt der andern Purpurblut.
O küsset schnell die Himmelszeichen, Eh′ sich verdunkelt die Natur! Mag dann der Abglanz auch erbleichen, Im Herzen loht die schönre Spur! Mag sich, wer zu dem süssen Leben Der Lieb′ im Lenz das Wort nicht fand, Der holden Torheit nun ergeben, Den Brausebecher in der Hand!
Wohl wird man edler durch das Leiden, Und strenger durch erlebte Qual; Doch hoch erglühn in guten Freuden, Das adelt Seel′ und Leib zumal. Und liebt der Himmel seine Kinder, Wo Tränen er durch Leid erpresst, So liebt er jene drum nicht minder, Die er vor Freude weinen lässt.
Und sehnen blasse Gramgenossen Sich nach dem Grab in ihrer Not, Wem hell des Lebens Born geflossen, Der scheut noch weniger den Tod! Taucht euch ins Bad der Lust, ins klare, Das euch die kurze Stunde gönnt, Dass auch für alles heilig Wahre Ihr jede Stunde sterben könnt!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Herbstlied" von Gottfried Keller lädt den Leser ein, die letzten Freuden des Herbstes zu genießen, bevor der Winter kommt. Es beschreibt die Schönheit der Weinberge und die Leidenschaft der Liebe, die noch in den roten Lippen der Geliebten blüht. Das Gedicht nutzt Bilder von Mond und Sonne, um die vergängliche Natur des Lebens und der Schönheit zu betonen. Das zweite Gedicht von Keller thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens und die Bedeutung von Freude und Leid. Es ermutigt den Leser, das Leben in vollen Zügen zu genießen und sich nicht von der Angst vor dem Tod lähmen zu lassen. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, sich in die Freuden des Lebens zu stürzen und jeden Moment zu schätzen, da der Tod unausweichlich ist. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Botschaft der Lebensfreude und der Akzeptanz der Vergänglichkeit. Es ermutigt den Leser, das Leben zu genießen und sich nicht von der Angst vor dem Tod lähmen zu lassen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- [Wo sich der Freude Quell ergiesst Die durch das Rebenland erglühn Seht, wie des Mondes Antlitz glühend Im Rosenscheine aufersteht Wie auf der Jungfrau'n einer Wange Der Widerschein des Mondes ruht Dieweil erhöht vom Niedergange Erglänzt der andern Purpurblut O küsset schnell die Himmelszeichen Eh' sich verdunkelt die Natur Mag sich, wer zu dem süssen Leben Der Lieb' im Lenz das Wort nicht fand Der holden Torheit nun ergeben Den Brausebecher in der Hand Wohl wird man edler durch das Leiden Und strenger durch erlebte Qual Doch hoch erglühn in guten Freuden Das adelt Seel' und Leib zumal Und liebt der Himmel seine Kinder Wo Tränen er durch Leid erpresst So liebt er jene drum nicht minder Die er vor Freude weinen lässt Und sehnen blasse Gramgenossen Sich nach dem Grab in ihrer Not Wem hell des Lebens Born geflossen Der scheut noch weniger den Tod Taucht euch ins Bad der Lust, ins klare Das euch die kurze Stunde gönnt Dass auch für alles heilig Wahre Ihr jede Stunde sterben könnt]
- Metapher
- [Wo sich der Freude Quell ergiesst Die durch das Rebenland erglühn Lasst uns das letzte Lied entriegeln Wo noch zwei rote Lippen blühn Seht, wie des Mondes Antlitz glühend Im Rosenscheine aufersteht Wie auf der Jungfrau'n einer Wange Der Widerschein des Mondes ruht O küsset schnell die Himmelszeichen Eh' sich verdunkelt die Natur Mag sich, wer zu dem süssen Leben Der Lieb' im Lenz das Wort nicht fand Der holden Torheit nun ergeben Den Brausebecher in der Hand Wohl wird man edler durch das Leiden Und strenger durch erlebte Qual Doch hoch erglühn in guten Freuden Das adelt Seel' und Leib zumal Und liebt der Himmel seine Kinder Wo Tränen er durch Leid erpresst So liebt er jene drum nicht minder Die er vor Freude weinen lässt Und sehnen blasse Gramgenossen Sich nach dem Grab in ihrer Not Wem hell des Lebens Born geflossen Der scheut noch weniger den Tod Taucht euch ins Bad der Lust, ins klare Das euch die kurze Stunde gönnt Dass auch für alles heilig Wahre Ihr jede Stunde sterben könnt]
- Personifikation
- [Wo sich der Freude Quell ergiesst Die durch das Rebenland erglühn Seht, wie des Mondes Antlitz glühend Im Rosenscheine aufersteht Indes die Sonne, freudesprühend Den Leib im Westmeer baden geht Dieweil erhöht vom Niedergange Erglänzt der andern Purpurblut Eh' sich verdunkelt die Natur Mag sich, wer zu dem süssen Leben Der Lieb' im Lenz das Wort nicht fand Der holden Torheit nun ergeben Den Brausebecher in der Hand Wohl wird man edler durch das Leiden Und strenger durch erlebte Qual Doch hoch erglühn in guten Freuden Das adelt Seel' und Leib zumal Und liebt der Himmel seine Kinder Wo Tränen er durch Leid erpresst So liebt er jene drum nicht minder Die er vor Freude weinen lässt Und sehnen blasse Gramgenossen Sich nach dem Grab in ihrer Not Wem hell des Lebens Born geflossen Der scheut noch weniger den Tod Taucht euch ins Bad der Lust, ins klare Das euch die kurze Stunde gönnt Dass auch für alles heilig Wahre Ihr jede Stunde sterben könnt]
- Symbolik
- [Wein Rebenland rote Lippen Mond Sonne Westmeer Jungfrau Himmelszeichen Brausebecher Leiden Qual Freuden Tränen Grab Lebens Born Bad der Lust heilig Wahre]