Herbstlied

Ernst Ziel

1782

Der Herbstwind weht; die dürren Blätter fallen Ins Wintergrab; Der Raben dumpfen Klaglaut hör’ ich schallen Vom Turm herab.

Verwelkt und dürr hängt noch an Gartenmauern Der Blumen Rest; Und flugesmüde Vögel bange kauern Im engen Nest.

Denn wo geschwebt auf maienhaften Bahnen Der Rose Duft, Weht traurig wie ein unheimliches Ahnen Oktoberluft.

Und wenn der Sturm die grauen Nebel dränget Das Meer entlang, Und wenn mit Weheruf die Möwe hänget Am Felsenhang:

Dann denk’ ich deiner, mit betrübten Sinnen, Vergänglichkeit, Dann scheint so klein mir in der Brust tief innen So Freud’, wie Leid.

Der Herbstwind weht; die dürren Blätter fallen: Was weinest du? Getrost! Auch dir wird einst nach kurzem Wallen Die lange Ruh'.

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Illustration zu Herbstlied

Interpretation

Das Gedicht "Herbstlied" von Ernst Ziel beschreibt den Herbst als eine Zeit des Vergehens und der Melancholie. Der Herbstwind trägt die welken Blätter ins "Wintergrab", während Raben traurige Klagegesänge vom Turm herunterrufen. Die letzten Reste der Blumen hängen vertrocknet an den Gartenmauern, und die Vögel kauern ängstlich in ihren Nestern. Der Duft der Rosen, der einst auf maienhaften Bahnen geschwebt ist, wird nun von einer traurigen, unheimlichen Oktoberluft verdrängt. Der zweite Teil des Gedichts schildert die Stimmung, die der Herbst an der Küste hervorruft, wenn der Sturm die grauen Nebel über das Meer treibt und die Möwen mit ihrem wehmütigen Ruf an den Felsen hängen. In dieser Atmosphäre denkt der lyrische Ich an die Vergänglichkeit und empfindet sowohl Freude als auch Leid als klein und unbedeutend in der Tiefe seiner Brust. Der Herbstwind und die fallenden Blätter werfen die Frage auf, warum man weinen sollte, und geben gleichzeitig die tröstende Antwort, dass auch der Mensch nach kurzem Wandern einst die lange Ruhe finden wird. Das Gedicht vermittelt eine nachdenkliche und wehmütige Stimmung, die den Zyklus des Lebens und den unausweichlichen Lauf der Zeit reflektiert. Es verbindet die äußeren Zeichen des Herbstes mit inneren Gefühlen der Vergänglichkeit und des Trostes. Die Natur dient als Spiegel für die menschliche Existenz, wobei der Tod als eine friedliche Ruhe nach einem kurzen Leben dargestellt wird.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
dumpfen Klaglaut
Anapher
Der Herbstwind weht; die dürren Blätter fallen
Apostrophe
Was weinest du?
Bildlichkeit
flugesmüde Vögel bange kauern
Hyperbel
Dann scheint so klein mir in der Brust tief innen
Kontrast
So Freud', wie Leid
Metapher
Wintergrab
Personifikation
Der Herbstwind weht
Symbolik
dürren Blätter fallen
Trost
Getrost! Auch dir wird einst nach kurzem Wallen Die lange Ruh'
Vergleich
Weht traurig wie ein unheimliches Ahnen