Herbstlied

Luise Büchner

1821

Es liegt der Herbst auf allen Wegen, In hundert Farben prangt sein Kleid, Wie seine Trauer, seinen Segen Er um sich streut zu gleicher Zeit.

Es rauscht der Fuß im welken Laube, Was blüht und grünte, ward ein Traum - Allein am Stocke winkt die Traube Und goldne Frucht schmückt rings den Baum.

So nimmt und gibt mit vollen Händen Der Herbst, ein Dieb und eine Fee; Erfüllung kann allein er spenden, Doch sie umfängt ein tiefes Weh! -

O, Herbst der Seele! deine Früchte, Sind auch Gewinn sie, oder Raub? Der Wünsche Blüte ist zunichte, Der Hoffnung Grün ein welkes Laub.

Zu schwer erkauft, um zu beglücken, O, Seelenherbst, ist deine Zier! Der Saft der Traube kann entzücken, Doch keine Wonne strömt aus dir.

Die Weisheit, wie die Frucht sie nennen, Sie presst mir bittre Tränen aus, Und ihres Kernes herbem Brennen Entkeimet nie ein Frühlingsstrauß!

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Illustration zu Herbstlied

Interpretation

Das Gedicht "Herbstlied" von Luise Büchner beschreibt den Herbst als eine Zeit des Wandels und der Übergänge, die sowohl Schönheit als auch Melancholie birgt. Die Autorin nutzt die Jahreszeit als Metapher für den Herbst des Lebens, in dem mancher Traum verblasst und die Hoffnungen welken wie das Laub. Doch auch in dieser Zeit gibt es noch Früchte und Gaben, die Freude spenden können, auch wenn sie einen bitteren Beigeschmack haben. Die Dichterin beschreibt den Herbst als eine zwiespältige Jahreszeit, die sowohl nimmt als auch gibt. Sie vergleicht ihn mit einem Dieb, der das Grün und die Blüten stiehlt, aber auch mit einer Fee, die goldene Früchte und Trauben schenkt. Diese Dualität spiegelt sich auch im Seelenhalt wider, wo die Weisheit zwar als Frucht bezeichnet wird, aber bittere Tränen hervorruft und keinen Frühlingsstrauß entstehen lässt. Letztendlich vermittelt das Gedicht eine tiefgründige Betrachtung über die Vergänglichkeit des Lebens und die damit einhergehenden Verluste und Gewinne. Es zeigt, dass auch in dunklen Zeiten noch Lichtblicke existieren, auch wenn sie von einem tiefen Weh umgeben sind. Die Autorin ermutigt dazu, die Gaben des Lebens zu schätzen, auch wenn sie einen bitteren Beigeschmack haben, und die Weisheit als kostbare Frucht zu betrachten, auch wenn sie schmerzhaft sein kann.

Schlüsselwörter

herbst allein traube frucht kann liegt allen wegen

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Stilmittel

Metapher
Entkeimet nie ein Frühlingsstrauß
Personifikation
Allein am Stocke winkt die Traube