Herbstlied

Hermann Rollett

1782

Du hast den Frieden mir geraubt, Du Herbstwind trüb und kalt, Die grünsten Bäume hast entlaubt, Das Jüngste wurde alt.

Die Blumen hast du totgeküßt, Die Vögel wurden stumm, Und Alles welk und Alles wüst Im Thale ringsherum.

Da zürn ich laut dem Mißgeschick Und fühl mich tief gekränkt, Daß Erde meinem wärmsten Blick Kein einzig Blümlein schenkt.

Daß, wie mein Blick auch nimmermatt, Sich treibt durch Wald und Schlucht, Vergebens sich ein grünes Blatt — Ein Lebenszeichen sucht.

So ist dem Arzte wol zu Mut, Wenn in erstarrter Hand, Das erst so volle, laute Blut Auf einmal stille stand.

Da geht er in sein Kämmerlein Und grübelt, prüft und denkt, Indeß man einen Totenschrein Ins stille Grab versenkt.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Herbstlied

Interpretation

Das Gedicht "Herbstlied" von Hermann Rollett beschreibt den Herbst als eine Zeit des Verlusts und der Verzweiflung. Der Herbstwind wird als Dieb dargestellt, der den Frieden geraubt und die Natur entlaubt und verwelken lässt. Die einst grünen Bäume sind kahl, die Blumen totgeküsst, und die Vögel schweigen. Die Landschaft erscheint düster und öde. Der Sprecher fühlt sich tief gekränkt und zürnt dem Schicksal, dass die Erde ihm kein einziges Blümlein mehr schenkt. Sein Blick sucht vergeblich nach einem Lebenszeichen in Wald und Schlucht, findet aber nur Verwelktes. Diese Suche nach Leben in der scheinbar toten Natur spiegelt die innere Verzweiflung des Sprechers wider. Das Gedicht endet mit einem Vergleich zum Arzt, der machtlos zusehen muss, wie das Blut in der Hand eines Patienten stillsteht. Während der Arzt in seinem Kämmerlein grübelt und nach Antworten sucht, wird der Tote ins Grab gesenkt. Dieser Vergleich unterstreicht die Endgültigkeit des Todes und die Nutzlosigkeit der Suche nach Leben im Angesicht des unausweichlichen Verfalls.

Schlüsselwörter

hast blick stille frieden geraubt herbstwind trüb kalt

Wortwolke

Wortwolke zu Herbstlied

Stilmittel

Hyperbel
Daß, wie mein Blick auch nimmermatt, Sich treibt durch Wald und Schlucht
Metapher
Wenn in erstarrter Hand, Das erst so volle, laute Blut Auf einmal stille stand
Personifikation
Du hast den Frieden mir geraubt, Du Herbstwind trüb und kalt
Symbolik
Blut
Vergleich
So ist dem Arzte wol zu Mut