Herbstliche Liebe

Clara Müller-Jahnke

1860

Meine Seele spinnt dich ein; schimmernde Marienfäden sollen ihre Häscher sein.

Ihre Schlingen fühlst du kaum. Eine rote Märtyrkrone brech ich dir vom Eschenbaum.

Deine Stirne küß ich bleich - und so führ ich dich gefangen mitten durch mein Schattenreich.

Du wirst ganz mein eigen sein, wirst verbluten und verblühen - meine Seele spinnt dich ein.

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Illustration zu Herbstliche Liebe

Interpretation

Das Gedicht "Herbstliche Liebe" von Clara Müller-Jahnke beschreibt eine obsessive und erdrückende Liebe, die den Geliebten in eine Art Gefangenschaft nimmt. Die Seele des lyrischen Ichs spinnt den Geliebten ein, indem sie ihn mit schimmernden Marienfäden einfängt, die kaum zu spüren sind. Diese Metapher vermittelt eine subtile, aber unentrinnbare Bindung, die den Geliebten in ihren Bann zieht. Die zweite Strophe verdeutlicht die Intensität dieser Liebe, die bis zur Selbstaufgabe reicht. Die "rote Märtyrkrone" vom Eschenbaum symbolisiert den Schmerz und das Opfer, das das lyrische Ich für die Liebe bereit ist zu bringen. Der Kuss auf die bleiche Stirn des Geliebten unterstreicht die emotionale Kälte und Distanz, die trotz der intensiven Gefühle bestehen bleibt. Das lyrische Ich führt den Geliebten gefangen durch sein "Schattenreich", was auf eine düstere und möglicherweise zerstörerische Beziehung hindeutet. In der letzten Strophe kulminiert die Obsession des lyrischen Ichs. Der Geliebte wird als "ganz mein eigen" bezeichnet, was die Besitzergreifung und den Verlust der Individualität des Geliebten impliziert. Die Worte "verbluten und verblühen" deuten auf ein langsames, qualvolles Ende hin, das der Geliebte durch die erdrückende Liebe des lyrischen Ichs erleidet. Die Wiederholung des Anfangsverses am Ende des Gedichts betont die unentrinnbare Natur dieser Liebe und die vollständige Kontrolle, die das lyrische Ich über den Geliebten ausübt.

Schlüsselwörter

seele spinnt wirst schimmernde marienfäden sollen häscher schlingen

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Stilmittel

Bildsprache
Eine rote Märtyrkrone brech ich dir vom Eschenbaum
Metapher
wirst verbluten und verblühen
Personifikation
schimmernde Marienfäden sollen ihre Häscher sein
Wiederholung
meine Seele spinnt dich ein