Herbstentschluß
1802Trübe Wolken, Herbstesluft, Einsam wandl′ ich meine Straßen, Welkes Laub, kein Vogel ruft - Ach, wie stille! wie verlassen!
Todeskühl der Winter naht; Wo sind, Wälder, eure Wonnen? Fluren, eurer vollen Saat Goldne Wellen sind verronnen!
Es ist worden kühl und spät, Nebel auf der Wiese weidet, Durch die öden Haine weht Heimweh; - alles flieht und scheidet.
Herz, vernimmst du diesen Klang Von den felsentstürzten Bächen? Zeit gewesen wär′ es lang, Daß wir ernsthaft uns besprächen!
Herz, du hast dir selber oft Weh getan und hast es andern, Weil du hast geliebt, gehofft; Nun ist′s aus, wir müssen wandern!
Auf die Reise will ich fest Ein dich schliessen und verwahren, Draußen mag ein linder West Oder Sturm vorüberfahren;
Daß wir unsern letzten Gang Schweigsam wandeln und alleine, Daß auf unserm Grabeshang Niemand als der Regen weine!
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Interpretation
Das Gedicht "Herbstentschluß" von Nikolaus Lenau thematisiert die Melancholie und Resignation im Herbst, die als Metapher für das Ende des Lebens und die Einsamkeit des Menschen stehen. Der Herbst wird als eine Zeit des Vergehens und der Stille beschrieben, in der die Natur sich auf den Winter vorbereitet und der Sprecher sich einsam und verlassen fühlt. Die Bilder von welkem Laub, trüben Wolken und kalter Luft unterstreichen die Stimmung der Traurigkeit und des Abschieds. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert der Sprecher über sein eigenes Leben und die Schmerzen, die er sich selbst und anderen zugefügt hat, durch Liebe und Hoffnung. Er erkennt, dass es Zeit ist, sich von diesen Gefühlen zu lösen und sich auf eine Reise vorzubereiten, die metaphorisch für den Tod steht. Der Sprecher beschließt, sein Herz zu schließen und zu verwahren, um sich vor weiterem Leid zu schützen, und akzeptiert, dass er seinen letzten Gang allein gehen wird. Das Gedicht endet mit dem Wunsch nach einem stillen und einsamen Tod, bei dem nur der Regen auf dem Grab weint. Dies unterstreicht die Endgültigkeit des Abschieds und die Akzeptanz des eigenen Schicksals. Die Sprache ist poetisch und voller Naturbilder, die die emotionale Tiefe des Gedichts verstärken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Welkes Laub, kein Vogel ruft
- Metapher
- Auf die Reise will ich fest Ein dich schliessen und verwahren
- Personifikation
- Daß auf unserm Grabeshang Niemand als der Regen weine