Herbst
1907Du gehörst zu meinem Leide Du gehörst zu meinem Glück.
In meinen späten Tagen Was treibst du, altes Herz? Was will dein tolles Schlagen, Dein wonnevoller Schmerz?
Der Maienthau, die Thränen, Die du ins Aug′ mir drängst? Was will dieß Frühlingssehnen, Da Herbst es worden längst?
Verstummt sind alle Lieder, Die Wälder stehn entlaubt, Schneeflocken rieseln nieder Aufs Feld und auf mein Haupt.
Gewölke schwer und bleiern Im kalten Luftrevier, Das Thal in Nebelschleiern, – Mein Herz, wie steht′s in dir?
Die Sommerfäden wiegen Zerrissen sich im Raum; Mir ist als säh′ ich fliegen Von einst den eignen Traum.
Die Schwalben mußten wandern Und all mein Hoffen auch, Verblaßt ist mit dem andern Mein Grün im Windeshauch.
Natur in ihrer Trauer, Im Welken und Vergehn, Ließ mich mit heil′gem Schauer Ein holdes Räthsel sehn.
Vereinsamt noch am Strauche Nur eine Rose hing, Ein Spätling, dessen Hauche Ein duft′ger Zauberring.
Sie trotzt dem rauhen Wetter Und hütet, lenzgeweiht, Im Rahmen weicher Blätter Die ganze Rosenzeit.
Vergessen an der Hecke Noch eine Traube hing, Die in dem Blattverstecke Dem Keltertod entging.
Im Frost noch birgt die Schale Voll Würz′ und Süßigkeit Die Gluth vom Sommerstrahle, Das Gold der Sonnenzeit.
Was ich da außen sehe, Wie ist′s dem innen gleich! Mir wird davon so wehe, So wonnevoll zugleich.
Mein Herz, du theilst die Loose Hast Nebel, Frost und Dorn, Hast deine letzte Rose Und deinen Feuerborn.
Daß auch dein Lenz nicht fehle Erwacht mein Jugendlied, Auf dem die ganze Seele Zu ihr, zu ihr nur zieht.
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Interpretation
Das Gedicht "Herbst" von Anastasius Grün ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema der Vergänglichkeit und der Sehnsucht nach der verlorenen Jugend. Der Autor beschreibt den Herbst als eine Zeit des Übergangs, in der die Natur sich verändert und die Erinnerungen an vergangene Zeiten wach werden. Das Gedicht ist in zwei Teile gegliedert, wobei der erste Teil die äußeren Veränderungen der Natur thematisiert, während der zweite Teil die inneren Gefühle des lyrischen Ichs beleuchtet. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt der Autor die äußeren Veränderungen der Natur im Herbst. Die Bäume stehen entlaubt, Schneeflocken rieseln nieder und die Wolken sind schwer und bleiern. Diese Bilder symbolisieren den Verfall und die Vergänglichkeit des Lebens. Das lyrische Ich fühlt sich von diesen Veränderungen berührt und sehnt sich nach der verlorenen Jugend und den Freuden des Sommers. Die Metapher des "eignen Traums" deutet darauf hin, dass das lyrische Ich seine eigenen Träume und Hoffnungen aufgegeben hat und nun nur noch Zuschauer der Vergänglichkeit ist. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich der Autor den inneren Gefühlen des lyrischen Ichs zu. Trotz der äußeren Veränderungen und der Vergänglichkeit entdeckt das lyrische Ich noch Reste von Schönheit und Hoffnung. Die Rose und die Traube, die noch am Strauch hängen, symbolisieren die Widerstandsfähigkeit und die Fähigkeit, auch in schwierigen Zeiten Schönheit zu finden. Das lyrische Ich erkennt, dass es auch in seinem eigenen Herzen noch Reste von Jugend und Leidenschaft gibt. Der letzte Vers des Gedichts, "Auf dem die ganze Seele / Zu ihr, zu ihr nur zieht", deutet darauf hin, dass das lyrische Ich seine ganze Seele auf die Suche nach der verlorenen Jugend und den Freuden des Sommers richtet. Insgesamt ist "Herbst" von Anastasius Grün ein bewegendes Gedicht über die Vergänglichkeit des Lebens und die Sehnsucht nach der verlorenen Jugend. Der Autor beschreibt die äußeren Veränderungen der Natur im Herbst und verknüpft sie mit den inneren Gefühlen des lyrischen Ichs. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Melancholie, aber auch eine Hoffnung auf die Wiederentdeckung der verlorenen Schönheit und Leidenschaft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Zu ihr, zu ihr nur zieht
- Personifikation
- In meinen späten Tagen Was treibst du, altes Herz?