Herbst

Rainer Maria Rilke

1902

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Herbst

Interpretation

Das Gedicht "Herbst" von Rainer Maria Rilke ist eine tiefgründige Reflexion über das Vergehen und den unausweichlichen Lauf der Zeit. Es beginnt mit dem Bild fallender Blätter, die wie aus fernen Gärten zu kommen scheinen und eine ablehnende Haltung gegenüber dem Herbst ausdrücken. Dieses Motiv des Fallens zieht sich durch das gesamte Gedicht und symbolisiert den zyklischen Charakter des Lebens und den unaufhaltsamen Prozess des Alterns und Sterbens. Im zweiten Teil des Gedichts erweitert Rilke die Metapher des Fallens auf die gesamte Menschheit. Er betont, dass wir alle diesem Schicksal unterworfen sind, und verweist auf die "schwere Erde", die in die Einsamkeit fällt. Doch trotz dieser allgegenwärtigen Vergänglichkeit gibt es einen Hoffnungsschimmer: "Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält." Dieser "Eine" könnte als Gott oder eine höhere Macht interpretiert werden, die das Fallen und damit das Leben selbst in ihren Händen hält und es sanft auffängt. Das Gedicht endet mit einer Botschaft der Trost und des Schutzes. Obwohl das Leben vergänglich ist und wir alle dem Fall unterliegen, gibt es eine Kraft, die uns auffängt und uns in ihrem sanften Griff hält. Diese Interpretation unterstreicht die Dualität von Leben und Tod, Verlust und Hoffnung, die in Rilkes Werk so oft anzutreffen ist.

Schlüsselwörter

fallen fällt allen blätter weit welkten himmeln ferne

Wortwolke

Wortwolke zu Herbst

Stilmittel

Metapher
welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält
Metaphor
Diese Hand da fällt
Personifikation
als welkten in den Himmeln ferne Gärten