Hellgrün

Lisa Baumfeld

1895

Das war ein fröstelnd banger Abend damals … In Hildgards Zimmer. Aus dem Steinkamin Glitt röthlich Flackern über seid′ne Decken Und Sammt und Schleifen … Alles wellengrün, Wie Wasser, das in Lunas Kuss vereiste, So kühl und hell und herzlos wellengrün.

Am Sofa sie. In Falten reich und rauschend Fiel schwermüthig′ das weisse Kleid hinab Und milde Perlen flossen durch die Haare - Das mondscheinblonde, weiche Frauenhaar, In dessen Netz ich mich verstrickt … zu Tode - Sie wusste, dass mich Perlen traurig machen, Und darum trug sie Perlen … Ihre Hand Lag in dem grünen Schaum der leichten Spitzen, So weiss und willenlos und todesmatt … Und in dem Glas die sterbenden Narcissen … Verbebend schwellten sie die blasse Luft, Und dufteten so räthselhaft, so schauernd …

Und da geschah′s … ich stürzte vor sie hin Und sagte ihr - was die Narcissen hauchten … Und sagt′ ihr alles …

Hildgard blickte auf. Ihr schönes Antlitz, schön und kalt wie immer; Und ich zerquälte mich, die weissen Runen In Hildgards Antlitz zu versteh′n, und schwieg Und harrte zitternd … Da durchklirrte gellend Ihr silberweisses lautes Lachen mich …

- »Was sagst du … Glück und Liebe? weisst du noch nicht Du thör′ger Knabe … dass das Märchen sind?« Dann ward sie still und fragte traurig leise: »Und weisst du nicht, dass Hildgard niemals liebt, Weil sie nicht lieben kann?« - Ich schluchzte grollend: »Was lässt du mich zu deinen Füssen knie′n Und glüh′n und bluten? … weisst es doch schon lange - Mein Gott - so lang!« … Sie sah mich spöttisch an:

»Warum? Mon Dieu! Weil ich Narcissen liebe, Und alles, was die lange Zeit betäubt! Et pourquoi pas, mon Dieu, si cela m′amuse?!…«

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Illustration zu Hellgrün

Interpretation

Das Gedicht "Hellgrün" von Lisa Baumfeld erzählt von einer intensiven, unerwiderten Liebeserklärung in einer kühlen, fast surrealen Atmosphäre. Die Szenerie ist geprägt von eisigem Grün, flackerndem Kaminfeuer und welkenden Narzissen, die eine Stimmung von Sehnsucht und Verzweiflung schaffen. Die Protagonistin Hildgard wird als unnahbar und gefühlskalt dargestellt, umgeben von Perlen und Seide, die ihre Schönheit und Distanz unterstreichen. Die Narzissen symbolisieren die vergängliche Natur der Liebe und das unausweichliche Scheitern der Hoffnung des lyrischen Ichs. Die Liebeserklärung des lyrischen Ichs wird von Hildgard mit kalter Gleichgültigkeit und spöttischem Gelächter quittiert. Sie offenbart, dass sie nicht lieben kann und die Aufmerksamkeit des lyrischen Ichs lediglich als Unterhaltung betrachtet. Ihre Worte "Mon Dieu! Weil ich Narzissen liebe, Und alles, was die lange Zeit betäubt!" verdeutlichen ihre emotionale Distanz und ihre Vorliebe für das Vergängliche und Betäubende. Das Gedicht endet in einer bitteren Erkenntnis der Nutzlosigkeit und des Schmerzes, der aus unerfüllter Liebe entsteht.

Schlüsselwörter

perlen narcissen weisst hildgards wellengrün traurig hildgard antlitz

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Stilmittel

Alliteration
frorstelnd banger Abend
Hyperbel
In dessen Netz ich mich verstrickt ... zu Tode
Kontrast
schön und kalt wie immer
Metapher
Alles wellengrün, Wie Wasser, das in Lunas Kuss vereiste
Personifikation
Und sagte ihr - was die Narcissen hauchten
Rhetorische Frage
Et pourquoi pas, mon Dieu, si cela m'amuse?!...
Symbolik
Mondscheinblonde, weiche Frauenhaar
Vergleich
So kühl und hell und herzlos wellengrün