Hellas

Manfred Kyber

1829

Und Orpheus starb. Des Waldes Tiere weinen. Die Leier, der sie lauschten, sie ist stumm. Die Nacht brach ein und ihre Sterne scheinen auf eines toten Gottes Heiligtum.

Mein Hellas, deine Sonne ist versunken in deines blauen Meeres Silberrand. Der Wein, den die Bacchantinnen getrunken, rinnt aus zerbrochnen Bechern in den Sand.

Mein Hellas, deiner Königshand entwunden ist der Mänaden froher Thyrsusstab. Mein Hellas, abgelaufen sind die Stunden und deine Freudentempel sind ein Grab.

Dein holder Garten, Hellas, ward zur Wildnis und ausgeträumt ist deiner Schönheit Traum. Um der gestürzten Götter Marmorbildnis reckt welkes Laub dein heiliger Lorbeerbaum.

In wilder Wehmut durch verwaiste Haine, mein Hellas, deine Orpheusklage weint. Voll Sehnsucht suchst du in der Sterne Scheine den Geist, der aller Griechen Geist geeint.

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Illustration zu Hellas

Interpretation

Das Gedicht "Hellas" von Manfred Kyber ist eine melancholische Ode an das antike Griechenland, das der Autor als verlorene Kultur und Zivilisation betrachtet. Das Gedicht beginnt mit dem Tod des Orpheus, eines mythischen Sängers und Dichters, der als Symbol für die Schönheit und Kreativität der griechischen Kultur steht. Die Stille seiner Leier und das Weinen der Tiere im Wald symbolisieren den Verlust dieser Kultur. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt den Untergang des antiken Griechenlands. Die untergehende Sonne, der ausgelaufene Wein und der zerbrochene Thyrsusstab der Mänaden sind Symbole für den Verfall und die Zerstörung der griechischen Kultur. Die Freudentempel, die zu Gräbern geworden sind, und der Garten, der zur Wildnis wurde, verstärken dieses Bild des Verfalls und der Zerstörung. Im letzten Teil des Gedichts drückt der Autor seine Sehnsucht nach der verlorenen griechischen Kultur aus. Er sucht in den Sternen nach dem Geist, der einst alle Griechen vereinte, und weint die Orpheusklage, ein Symbol für den Verlust und die Trauer um das verlorene Griechenland. Das Gedicht endet mit einem Bild des welken Lorbeerbaums, eines Symbols für den Ruhm und die Ehre des antiken Griechenlands, der sich um das Marmorbildnis der gestürzten Götter windet.

Schlüsselwörter

hellas sterne geist orpheus starb waldes tiere weinen

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Stilmittel

Alliteration
[des Waldes Tiere weinen der Sterne scheinen des toten Gottes deines blauen Meeres zerronnen sind die Stunden welkes Laub]
Anapher
[Mein Hellas]
Hyperbel
[Mein Hellas, deine Sonne ist versunken in deines blauen Meeres Silberrand.]
Metapher
[Und Orpheus starb. Des Waldes Tiere weinen. Mein Hellas, deine Sonne ist versunken in deines blauen Meeres Silberrand. Mein Hellas, deiner Königshand entwunden ist der Mänaden froher Thyrsusstab. Mein Hellas, abgelaufen sind die Stunden und deine Freudentempel sind ein Grab. Dein holder Garten, Hellas, ward zur Wildnis und ausgeträumt ist deiner Schönheit Traum. Um der gestürzten Götter Marmorbildnis reckt welkes Laub dein heiliger Lorbeerbaum.]
Personifikation
[Des Waldes Tiere weinen. Die Nacht brach ein und ihre Sterne scheinen.]
Symbolik
[Orpheus Leier Nacht Sterne Sonne Meer Wein Thyrsusstab Freudentempel Garten Lorbeerbaum Orpheusklage]