Héliotrope

Lisa Baumfeld

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In deines Zimmers trauter Dämmerhelle … Die Luft gekost von rother Lichteswelle, Und drin erzittern fromme Kinderlieder Und feiner Duft von vollem, feuchtem Flieder, Und Vasen, Ampeln, Kissen athmen schwer Ein räthselhaftes: »Es ist lange her …« Und all das Tiefe, das du je erlebt, In den verschwiegen dunklen Nischen webt, Und von den Thränen, die du weinst so leicht, - Sind Farben rings und Klänge matt verbleicht, Dass sie das Haupt mit stiller Nacht umspinnen …

Ich war bei dir; in qualvoll wehem Sinnen Sog ich den fernen, feinen, frommen Hauch Und lächelte und litt unsäglich auch … Du sahst so lieb und zärtlich auf zu mir! Du ahntest nicht, wie ich so ferne dir. Die du ein sonnenlichter Frühlingssang, Der von des Schöpfers frohen Lippen klang!

Ich war bei dir - so nah′ an dich geschmiegt, Dass ich vom Wohllaut deiner Welt umwiegt, - Mich deiner Seele süsser Duft umspielte, Und dass ich schauernd jenen Abgrund fühlte … Du sahst ihn nicht … mein ist das kranke Sehnen, Die abgequälten, ungeweinten Thränen, Die sich das Herz zu tiefem Flussbett graben Und soviel Gift und keinen Namen haben … Und fühlst du nicht, wie er sich endlos breitet Und zwischen uns wie weite Wogen gleitet? Ein fliederfarbig, ewigweites Band, Das keine Brücke jemals überspannt …

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Illustration zu Héliotrope

Interpretation

Das Gedicht "Héliotrope" von Lisa Baumfeld thematisiert die unüberbrückbare Distanz zwischen zwei Menschen, die sich physisch nahe, aber emotional weit voneinander entfernt sind. Die Stimmung im Zimmer wird als nostalgisch und melancholisch beschrieben, durchdrungen von verblassten Erinnerungen und einem Gefühl der Vergänglichkeit. Die lyrische Ich-Figur fühlt sich dem Gegenüber nah, wird aber von einem tiefen Abgrund getrennt, der sich wie ein endloses, fliederfarbenes Band zwischen sie legt. Dieser Abgrund symbolisiert unausgesprochene Schmerzen, ungeweinte Tränen und eine innere Leere, die der andere nicht wahrnimmt. Die Verwendung von Sinnesbildern wie Licht, Duft und Klang schafft eine dichte, fast erdrückende Atmosphäre, die die emotionale Spannung verstärkt. Das lyrische Ich nimmt die Welt des Gegenübers zwar wahr, bleibt aber ein Außenstehender, der leidet, ohne verstanden zu werden. Die Metapher des Heliotrop, einer Blume, die sich der Sonne zuwendet, unterstreicht die Sehnsucht nach Nähe und Verständnis, die unerfüllt bleibt. Letztlich vermittelt das Gedicht die Tragik einer unerwiderten emotionalen Verbindung, bei der die Nähe nur scheinbar ist und die wirkliche Distanz unüberwindbar bleibt. Die Bilder von Vergänglichkeit, Dunkelheit und Weite verstärken das Gefühl der Isolation und des unausgesprochenen Schmerzes.

Schlüsselwörter

duft thränen sahst zimmers trauter dämmerhelle luft gekost

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Stilmittel

Alliteration
fromme Kinderlieder
Metapher
keine Brücke jemals überspannt
Personifikation
Vasen, Ampeln, Kissen athmen schwer