Heimweh
1905Auf der dampfenden Stadt liegt Mittagsglut, Und es sinkt mir die Wimper; es wallt mir das Blut, Und die Straßen so staubig, so dumpf und so schwül, Und die Menschen so nüchtern, so lieblos kühl, Und so hastig ihr Schaffen, so wirr ihr Gedräng, Das Gewissen so weit, und die Herzen so eng - In der Brust erwacht mir ein Heimweh tief, Das lange schlief.
Wo am Strande die schimmernden Dünen stehn, Wo die Masten ragen die Wimpel wehn, Wo die Möwen am Felsen sich Nester baun, Wo versunkene Städte vom Grunde schaun, Wo die rollende Flut zu Lande schäumt, Und das Herz von vergangenen Tagen träumt In dem wellenversilbernden Mondenschein - Da möcht ich sein.
Ein trauliches Heim am brandenden Meer Und verständige, schlichte Nachbarn umher Und ich selber mit Weib und mit Kindern darin - O, wie würd ich genesen an Herzen und Sinn! Doch der Großstadt Wust, wo die Einfalt stirbt, Wo der Leib früh altert, die Seele verdirbt, Wo das heiligste feil ist um eitles Gold, Hat Gott nicht gewollt.
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Interpretation
Das Gedicht "Heimweh" von Ernst Ziel beschreibt das Gefühl der Sehnsucht nach einer einfacheren, naturverbundenen Lebensweise, im Kontrast zur hektischen und lieblosen Atmosphäre der Stadt. Der erste Teil des Gedichts schildert die erdrückende Hitze und die lieblose, nüchterne Stimmung in der Stadt, die beim Sprecher ein tiefes Heimweh weckt. Der zweite Teil des Gedichts entführt den Leser an einen idyllischen Ort am Meer, wo Dünen schimmern, Möwen nisten und versunkene Städte aus dem Grunde schauen. Hier sehnt sich der Sprecher danach zu sein, in einem traulichen Heim mit verständigen Nachbarn, Frau und Kindern. Die Natur und die Gemeinschaft werden als heilend für Herz und Sinn dargestellt. Im letzten Teil des Gedichts wird die Großstadt als ein "Wust" beschrieben, in dem die Einfalt stirbt und Körper und Seele verderben. Der Sprecher deutet an, dass ein solcher Lebensstil, bei dem das Heiligste für eitles Gold verkauft wird, nicht von Gott gewollt ist. Das Gedicht endet mit einer klaren Absage an die materialistische und entfremdete Stadtgesellschaft zugunsten eines einfacheren Lebens in Harmonie mit der Natur und der Gemeinschaft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wo das heiligste feil ist um eitles Gold
- Kontrast
- Das Gewissen so weit, und die Herzen so eng
- Metapher
- Wo das heiligste feil ist um eitles Gold
- Personifikation
- Wo die rollende Flut zu Lande schäumt