Heimkehr?

Hermann Conradi

1911

Wie bin ich nur so jäh hierher verschlagen In dein entfremdet Reich, Waldeinsamkeit? Zu Gast war ich in schicksalskühnen Tagen Des Südens formgewalt′ger Heiterkeit!

Und wieder nun des Nordlands Thymiandüfte Und seiner Erlenwälder Herbstmusik? Ein müder, summender Wind … und träumende Wolkenbilder … Nach Mitternacht des Mondes Nebelblick …

Und meiner Heimat längstvergessene Sprache … Und längst vergessener Menschen Angesicht Wie alles sich einschmeicheln will! Ich starre In meines Morgenrots erloschenes Licht …

Habt ihr mich wieder? – Bin ich fremd geworden? Braunrot quillt auf des Abends Dunstgeflecht … Weit … weit das Land … die weißen Nebel leuchten Zu mir tritt meiner Sehnsucht Lichtgeschlecht

Dort, wo das Leben reinere Glieder rundet, Zu größerer Fülle seine Kräfte stimmt, Möcht′ ich mit dir, Geliebte, sonnumstundet Mein Sein verträumen, bis es sanft verschwimmt …

Wir lugen weit … weit übers Meer, das blaue Um stillere Inseln noch wirbt unser Blick … Und wenn ich dann in deine Augen schaue, Find′ ich erschweigend mein intimstes Glück …

Zu Zeiten, die gewesen … ungewesen … Beruhigt unsere Gegenwart verfließt … Und von der Dämmerung Schattenspiel genesen, Ward uns der Geist, der lichterfüllt genießt

Bis er, am Horizont ein Wolkenstäubchen, Darauf die Sonne lag mit mildem Glühn, Sich sanft entkräuselt … Weiter rollen Stunden … Und Jahre, Menschen, Sterne weiterziehn …

Geliebte Heimat, den nun deine Krume Zum letztenmal mit ihrem Herbst genährt Verzeihe ihm! Gib ihm zum Abschied deine letzte Blume Und laß ihn ziehn, der deiner nicht mehr wert …

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Illustration zu Heimkehr?

Interpretation

Das Gedicht "Heimkehr?" von Hermann Conradi beschreibt die innere Zerrissenheit eines Heimkehrenden, der zwischen den Erinnerungen an seine fernen Reisen und der Gegenwart seiner Heimat hin- und hergerissen ist. Die erste Strophe verdeutlicht die Verwirrung des Sprechers, der sich plötzlich in der ihm fremd gewordenen Heimat wiederfindet, nachdem er zuvor im Süden die "formgewalt'ger Heiterkeit" genossen hat. Die zweite Strophe kontrastiert die Düfte und Klänge des Nordens mit den Erinnerungen an den Süden und verdeutlicht die Sehnsucht nach dem Exotischen. Die dritte und vierte Strophe verdeutlichen die Sehnsucht des Sprechers nach seiner verlorenen Liebe und seinem früheren Leben im Süden. Er fragt sich, ob er noch willkommen ist oder ob er sich zu sehr verändert hat, um in seiner Heimat noch einen Platz zu finden. Die fünfte und sechste Strophe beschreiben die Hoffnung des Sprechers auf ein neues Leben mit seiner Geliebten an einem Ort, wo das Leben "reinere Glieder rundet" und die Kräfte zu größerer Fülle stimmt. Die siebte und achte Strophe beschreiben die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Der Sprecher akzeptiert, dass er letztendlich von seiner Heimat Abschied nehmen muss und bittet um Vergebung und eine letzte Blume als Abschiedsgeschenk. Das Gedicht endet mit der Hoffnung auf ein neues Leben, das jenseits der Grenzen der Heimat und des Todes liegt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Das blaue Meer
Metapher
Ihr letzte Blume
Personifikation
Und seiner Erlenwälder Herbstmusik