Has von Überlingen
1890Es war der Has von Überlingen, Der scheut′ den Märzen wie den Tod; Denn in die Glieder fühlt er dringen Mit ihm des Alters leise Not.
Wann nun die Morgenlüfte wehten Nach letzten Hornungs Mitternacht Sah man ihn vor die Türe treten Wie einen Krieger auf die Wacht.
Den Krebs geschnallt um Brust und Rücken, Auf grauem Kopf den Eisenhut, Umschient die Glieder ohne Lücken: Das schien ihm für den Märzen gut!
Den langen Degen an der Seite, Die Halmbart′ in beschuhter Hand, Erwartet er den Feind zum Streite, Bis sich erhellten See und Land.
“Hei, falscher Mars! willst du es wagen? Dir sag′ ich ab und biete Dir, Auf Hieb und Stoss gerecht zu schlagen Um′s teure Leben, jetzt und hier!
Willst du an Herz und Mark mir greifen, Du Tückebold, so komm′ heran! Ich lehre dich ein Liedlein pfeifen, Du findest einen Martismann!”
Fuhr dann dem Alten rauh entgegen Ein Staubgewölk im Sonnenschein, Ein Schauer auch von Schnee und Regen, So hieb und stach er mächtig drein.
Denn in dem Duste sah er drohen Den Gegner mit gezücktem Speer; Drum schlug er, bis der Spuk entflohen, Und blickte siegreich um sich her.
Ein Trunk von goldnem Rebenblute Erquickt ihn nach bestand′nem Streit, Und er genoß mit frohem Mute Des Frühlings neue Herrlichkeit.
So ging es denn nach seinem Willen; Er schlug den Märzen Jahr um Jahr, Bis einst am ersten Tag Aprillen Sein tapfres Herz gebrochen war.
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Interpretation
Das Gedicht "Has von Überlingen" von Gottfried Keller handelt von einem alten Hasen, der den März, symbolisch für den unbeständigen und harten Frühlingsmonat, fürchtet. Der Hase, der bereits die leise Not des Alters in seinen Gliedern spürt, tritt wie ein Krieger in Rüstung vor seine Tür, um sich dem März zu stellen. Er ist mit Krebs, Eisenhut und Degen bewaffnet und bereit, den "Feind" zu bekämpfen, der seine Ruhe und sein Leben bedroht. Der Hase fordert den März, personifiziert als "falscher Mars", zum Kampf auf. Er bietet ihm einen fairen Kampf "um's teure Leben" an und droht, ihm eine Lektion zu erteilen. Als der März in Form von Staubwolken, Schnee und Regen kommt, schlägt und sticht der Hase tapfer, bis der "Spuk" vertrieben ist. Nach dem Kampf erquickt er sich mit einem Trunk Wein und genießt die Herrlichkeit des Frühlings. Der Hase kämpft Jahr für Jahr gegen den März, bis er eines Tages am ersten April an den Strapazen des Kampfes stirbt. Das Gedicht kann als Allegorie auf den Kampf des Menschen gegen die Unbilden des Lebens und das Altern verstanden werden. Der Hase steht dabei für den Menschen, der sich mit aller Kraft gegen die Widrigkeiten des Lebens stemmt, bis er schließlich seinem Schicksal erliegt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung des 's'-Lautes in 'schlug er, bis der Spuk entflohen'.
- Bildsprache
- Die Darstellung des 'Staubgewölk im Sonnenschein' und des 'Schauers von Schnee und Regen'.
- Hyperbel
- Die Beschreibung des Hasen als 'Martismann', der den März 'Jahr um Jahr' bekämpft.
- Ironie
- Die Ironie in der Tatsache, dass der Hase, ein typischer Flüchtling, sich dem März mutig entgegenstellt.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen dem 'goldnen Rebenblute' und der Härte des Märzens.
- Metapher
- Der Hase wird als 'Krieger' dargestellt, der sich auf den Kampf gegen den März vorbereitet.
- Personifikation
- Der März wird als Feind personifiziert, der mit 'gezücktem Speer' droht.
- Symbolik
- Der 'Eisenhut' und die 'Halmbart' symbolisieren die Rüstung des Hasen gegen den März.